Besuch der Semperoper (36)

Lieber Richard Wagner,

Graupa, im August 2013

heute habe ich, wie angedeutet, Besuch in meinem kleinen Arbeitsstudio. Eine Freundin aus Berlin besucht mich. Sie ist, wie ich, Architektin und interessiert an den Werken berühmter Baumeister. Ich führte sie heute zur Semperoper. Wir wollten das Gebäude, in dem du den Rienzi uraufgeführt hast, nun unbedingt kennenlernen.

Am heutigen Nachmittag konnte man das Gebäude nun auch besichtigen und meine Freundin und ich gesellten uns am Nordeingang des Opernhauses zu der Besuchergruppe, die auf Einlass wartete. Eine ältere Dame empfing uns am nördlichen Seiteneingang, um uns nach Abgabe eines Salärs freundlichst durch das Haus zu geleiten. Du kennst die erste Oper von Semper und ich nehme an, dass du auch den zweiten Bau von ihm besucht hast, aber inzwischen gibt es einen dritten. Ich erzählte dir ja schon von dem furchtbaren Krieg, der Mitte des 20. Jahrhunderts hier wütete. Er hat auch das Opernhaus auf grausamste Weise zerstört.

Der erste Opernbau, den du von deinen Proben für den Rienzi her kennst, brannte leider 1869 ab. Es geschah am 21. September 1869. Vielleicht erinnerst du dich. Am Abend des 22. September wurde die Uraufführung deines Reingold in München gegeben. An jenem 21. September jedenfalls brannte die Dresdner Oper gänzlich ab. Angeblich hatten zwei Handwerker, die sich um den üblen Gasgeruch der im Hause aufgetreten war, kümmern sollten, zwei Duftkerzen im Keller aufgestellt. Nun ja, du kannst dir denken, dass es zu einer kräftigen Explosion kam…

Ab 1871 begann man die Oper wiederaufzubauen. Leider konnte Gottfried Semper, der damit beauftragt war, die Bauüberwachung vorzunehmen, nicht vor Ort sein. Die Gründe kennst du ja. Deshalb schickte Semper seine Söhne Manfred, den Architekten und Emanuel, den Bildhauer nach Dresden. Wie uns unsere Fremdenführerin berichtete, soll eine große Sammlung von Briefen, die zwischen dem Vater und seinen Söhnen von dem Ablauf der Planungs- und Bauarbeiten zeugt, einen genauen Eindruck vermitteln, welchen autoritären Umgang Herr Semper mit seinen Söhnen pflegte. Verehrter Wagner, zu gerne würde ich näheres über Sempers Person von dir hören. Schade, dass wir uns nicht unterhalten können.

Aber zurück zu dem beeindruckenden Bauwerk, dessen Vestibül wir zunächst betraten. Hier wurden wir Zeuge einer Faszination, die die Wandgestaltung auf eine Gruppe von Jugendlichen ausübte. Die Schüler betasteten wieder und wieder die Holzwände, die Semper als Wandverkleidung geplant hatte. Neugierig fasste auch ich an die Wand. Doch sie war nicht aus Holz, wie aufgrund der Struktur zu vermuten war, sondern aus Stein. Das hatte seinen Grund. Aufgrund des Brandes hatte Semper die Wände aus Gips formen lassen und anschließend seine Söhne angewiesen diese mit einem Farbgemisch zu versehen, das der ehemaligen Eichenholzverkleidung glich. Dies wurde so perfekt umgesetzt, dass es nahezu unmöglich ist den Unterschied zwischen den hölzernen Türen und den Wänden zu bemerken.

Anschließend wurde unsere Besuchergruppe in die Treppenanlagen geführt. Die kunstvoll erstellten 56 Säulen, die nach dem Vorbild von italienischen Renaissancepalästen in Venedig erstellt worden sind, erinnerten mich sofort an Palladio. Auch die kunstvoll gearbeiteten Spiegel aus venezianischem Glas dürften deiner Begeisterung gewiss sein. Allein dies war erst das Vorspiel. Unvergesslich wird mir der Zuschauerraum bleiben, der in seiner Farb- und Materialgebung eine Harmonie erzeugt, die seinesgleichen sucht. Über all dem schwebt ein prächtiger Kronleuchter, der mit 256 kugelrunden Milchglaslampen in den Pausen am Abend für Bewunderung sorgt. Ich konnte gar nicht so schnell folgen, wie die Dame uns all die interessanten Details, wie das Proszenium über der Bühne, der Uhrenkasten, der die Stunde und jede fünf Minuten anzeigt, die Vorhänge, die Heb- und Senkbühne, sowie die Sitzbelüftung zeigte und erläuterte. Allerdings muss ich dir sagen, dass all diese Kostbarkeiten keine Originale aus dem 19. Jahrhundert sind, denn am 13. Februar 1945 sank alles in Schutt und Asche. Eine Bombe fiel direkt in den Zuschauerraum und Kronleuchter und Deckenteile rasten zu Boden und zerschellten im Gestühl. 1985 wurde die dritte Semperoper eröffnet. Man hatte sich entschlossen anhand von überlieferten Plänen und Bauanleitungen alles zu rekonstruieren und wiederaufzubauen. Allein einige wenige Veränderungen wurden durchgeführt. Die Wände wurden bis auf die Fundamente abgetragen und um zweieinhalb Meter nach außen verlegt, um Platz für den nun 1.323 Personen fassenden Zuschauerraum zu gewinnen. Die Treppenhäuser wurden etwas kleiner dadurch, weisen aber in ihrer Funktion keinen Nachteil auf. Statt fünf Zuschauerrängen wurden nur noch vier gebaut, um alle Ränge etwas anzuheben, sodass sich eine bessere Sicht ab der fünften Reihe im Parkett ergibt. Für alle Rekonstruktionsarbeiten wurden Spezialisten aus aller Welt herangeholt, um die Pracht des Baus wiederherzustellen und das in aller Welt berühmte Bauwerk wieder bespielbar zu machen. Selbst der Uhrenkasten, von dem ich sprach, konnte rekonstruiert werden. Ein Nachfahre des Erbauers, dessen Sohn nach Australien ausgewandert war, wurde bei einem Besuch in Dresden auf den noch immer fehlenden Uhrenkasten aufmerksam. Zurück in Australien machte er sich auf die Suche nach dem Nachlass seines Großvaters, der alle Zeichnungen und Konstruktionspläne feinsäuberlich gebündelt aufbewahrt hatte. Diese schickte der Enkel per Post nach Dresden und man begann die Uhr in Meißen wieder originalgetreu nachzubauen. Ich hätte noch zu gerne weiteren Details, die die rüstige Dame sicherlich aus der Theaterhistorie erzählen konnte, erfahren, doch leider war die Führung nach einer Stunde Rundgang durch das Haus beendet und wir wurden freundlichst in den frühen Abend verabschiedet. Ich drehte mich noch einmal um, sah die Lichter in den Foyerrundgängen erstrahlen und erinnerte den 20. Oktober 1842.

Genug für heute, mir fallen die Augen schon zu, aber bald mehr

Viele Grüße Ulrike

 

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