1842, Premiere des Rienzi (37)

1842, Premiere des Rienzi, im Königlichen Hoftheater in Dresden am 20. Oktober

Lieber Richard Wagner,

Graupa, im August 2013

Die Premiere deines Rienzi. Es war ein Donnerstag. Um 18 Uhr begann die Aufführung. Glasenapp berichtet sehr ausführlich darüber und ich habe die Passage einmal für dich zur Erinnerung herausgesucht:

Die fünfte Nachmittagsstunde war überschritten, die Menge drängte sich in Erwartung von etwas Unerhörtem in bunten Scharen dem Theater zu; der prachtvolle Raum war lange vor dem Beginne trotz der erhöhten Preise zum Erdrücken gefüllt. Es ist keine bloße Phrase in Heines brieflichem Bericht, wenn er davon spricht, die Erwartungen des Publikums seien in einem Grade gesteigert gewesen, der für den Erfolg fast gefährlich schien. Wagner selbst hatte die gleiche Empfindung. Dennoch bewies die Aufnahme, daß der junge Tonsetzer selbst die kühnsten Voraussetzungen übertroffen hatte. Die Vorstellung begann um 6 Uhr unter Reißigers Leitung; der Autor wohnte ihr mit seiner Frau im dunkelsten Winkel des Zuschauerraumes bei. Vom ersten langgehaltenen Trompetenton der Ouvertüre an herrschte in allen Räumen des dichtbesetzten Hauses tiefstes Schweigen, die gespannteste Aufmerksamkeit, und hielt bis zum Ende an: ›der donnernde Applaus am Schlusse,‹ sagt Heine, ›wälzte Wagner und mir und allen seinen Freunden eine Zentnerlast vom Herzen, so gewiß ich auch des Gelingens im voraus war.‹ Vor allen löste Tichatschek seine Aufgabe mit Geist und Kraft, unverwüstlich in der Stimme, hinreißend in der Darstellung, in der Mimik trefflich unterstützt durch seine feurigen, großen Augen, bis zur letzten Note aushaltend, obwohl die Partie des Tribunen damals erheblich stärker instrumentiert war, als jetzt, nachdem der Komponist manche Lichtungen in der Partitur vorgenommen. Voll unwiderstehlich packender Begeisterung war das Spiel der Schröder-Devrient, so besonders auch in dem Monologe des dritten und im großen Duett des fünften Aktes. Dem. Wüst stand ihr mindestens an rein musikalischem Ausdruck nicht nach; sicher, klar und gesangsfertig stand sie mit ihrem reinen Sopran zwischen Tichatschek und der Schröder; ja es gab Stimmen, welche die letztere als die vollendetere Darstellerin, Henriette Wüst aber als die größere Sängerin bezeichneten. Die Bemühungen Meister Fischers waren von dem glänzendsten Erfolge gekrönt. Der junge Autor wurde nach dem ersten, zweiten und dritten Akte stürmisch gerufen (›herausgebrüllt‹ heißt es in dem Heineschen Bericht an Kietz); die Hauptdarsteller mit Beifall und Bravos überschüttet. Als der dritte Akt mit seinen Schlachthymnen und seinem Siegesjubel, dem Verrat und der völligen Besiegung der Nobili ausgespielt hatte, war es nicht mehr weit von 10 Uhr abends, und Wagner berichtete später einmal von seiner Furcht, die ihn vom dritten Akt an habe glauben lassen, er würde ›den Skandal erleben‹ schließlich die Oper nicht ausspielen lassen zu können, weil sie zu lang war. Nach zehn Uhr ging erst der vierte Akt an, dem noch ein ebenso starker fünfter folgen sollte, während doch um diese Zeit laut Theaterzettel schon das Ende der Vorstellung festgesetzt war. Der erschütternde Schluß dieses Aufzuges, zu welchem statt des erwarteten Tedeum das unheimliche: vae vae tibi maledicto! aus dem Lateran hervorklingt, und nach Verkündigung des kirchlichen Bannfluches durch den Legaten der eben noch vom Volke umdrängte Tribun sich auf dem nun schnell entleerten Platze allein sieht, aus seiner Betäubung erst durch die sanfte Umschlingung der einzig getreuen Schwester erwachend, während die Klänge des Fluches in dumpfem pianissimo in der Kirche verhallen, – hinterließ auch im Publikum eine tiefe Stille; Alles war von der Tragödie überwältigt. Nach halb elf Uhr begann der fünfte Akt: Tichatschek, frisch und begeistert, wie zu Beginn des Abends, die Szene zwischen Adriano und Irene von dämonisch hinreißender Gewalt, die Situation unaufhaltsam der letzten Katastrophe zudrängend, – um 1/412 Uhr senkt sich die Gardine zum letzten Male. So lange hat noch kein Bühnenwerk gespielt! Nun läßt sich die Menge nicht mehr halten; die atemlose Spannung aller löst sich in einen tumultuarischen Hervorruf des Autors und sämtlicher Darsteller; der tobende Applaus hält mit einer wahren Wut der Begeisterung ununterbrochen eine volle Viertelstunde lang an. In dieser stürmischen Nacht erhob das Dresdener Publikum, bis dahin selten in der Lage, einer neuen Kunsterscheinung gegenüber den Ausschlag zu geben, Richard Wagner zu seinem kühn adoptierten Liebling. Ein solcher Vorgang lag außer dem Bereich des bisher Erlebten, – die erste Aufführung des Rienzi war ein vollkommener Sieg. Da war denn auch Fischer, der bis zuletzt mit eifrig betätigter Sorge über dem Gelingen gewacht, immer ruhiger geworden, und wie im zartfühlenden Wissen, daß er der Erste gewesen, der Wagners Bedeutung erkannt und den Anstoß zur Annahme der Oper gegeben, heftete er nun, wo alles den jungen Meister umjubelte und beglückwünschte, nur still verklärt das helle, freundliche Auge auf ihn, als wollte er sagen: ›Ja, das wußte ich, daß es so kommen würde!‹

›Wagner hättest Du und die Pariser Freunde an jenem Abend sehen sollen. Er war ein Schatten, weinte und lachte aus einem Sack, umarmte Alles, was ihm vor die Stange kam, und dabei lief ihm immer der kalte Schweiß von der Stirn Beim ersten Hervorruf wollte er durchaus nicht hinaus; ich mußte ihm einen ungeheuren Schub geben, daß er aus der Kulisse flog, aber auch nicht einen Zoll weiter, als die Kraft des Stoßes reichte; dann prallte er ordentlich wieder vor dem Gebrüll des Publikums zurück. Zum Glück hat er eine so famose Nase, wie Dir hinlänglich bekannt ist, und die linke Hälfte der Zuschauer konnte sich wenigstens an dem Anblick von deren Spitze erlaben.‹

Die ersten drei Wiederholungen fanden innerhalb der nächsten vierzehn Tage bis zum 4. November statt, immer bei erhöhten Preisen und vor ganz vollem Hause; die Dampfwagen zwischen Leipzig und Dresden waren voll Wallfahrer danach. Mit jeder folgenden Vorstellung steigerte sich der Beifall und mit den mitwirkenden Künstlern ward jedesmal auch der Autor wiederholt hervorgerufen. Zur zweiten Vorstellung hatte sich zu seiner Freude die nun 64 jährige alte Mutter von dorther eigens eingefunden, nachdem die Schwestern Brockhaus, Luise und Ottilie, letztere mit ihrem Gatten, bereits der ersten beigewohnt; der Schwager Fritz glänzte durch Abwesenheit, die Redaktionsgeschäfte seiner Leipziger Zeitung nahmen ihn gar zu sehr in Anspruch. ›Am meisten Freude‹, schreibt Wagner bald darauf,6 ›hat mir und Minna das gute Klärchen gemacht: sie war zwölf Tage bei uns, fühlte sich und machte uns sehr glücklich: das ist ein liebes, vortreffliches Geschöpf, gefühlvoll und ohne einen Funken Affektation.‹ Was ihm hinsichtlich des Publikums immer noch als das Merkwürdigste erschien, war dessen unverbrüchliche Ausdauer.  (C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 455−480, Breitkopf & Härtel)

Was für ein Erfolg! „Von nun an füllte »Rienzi«, sooft man ihn nur geben konnte, zum Erdrücken das Haus, und die Nachhaltigkeit seines Erfolges wurde mir bald vollständig einleuchtend, als ich bereits den Neid gewahren mußte, den er  mir von mancher Seite herzuzog.“  [R.W.]

 

So schreibst du in deiner Biografie. Die Neider sind nicht weniger geworden und sobald ein Künstler Erfolg aufweist, sobald wird er überschüttet mit Neid und Missgunst. Da hat die Welt sich nicht geändert, so sehr sie sich in vielen Dingen auch entwickelt haben mag.

Was meine verzweiflungsvolle Stimmung im Betreff der Wirkung der unerhörten Länge meiner Oper bestärkte, war die Stimmung meiner eigenen Verwandten, mit denen ich noch für kurze Zeit nach der Vorstellung zusammentraf. Die Familie des Friedrich Brockhaus war mit einigen Bekannten von Leipzig herübergekommen und hatte uns zu sich in den Gasthof eingeladen, in der Meinung, einen angenehmen Erfolg beim gemütlichen Nachtmahle feiern und etwa auf mein Wohl anstoßen zu können. Dort trafen wir aber bereits Küche und Keller geschlossen, und alles befand sich so in höchstem Grade abgespannt, daß ich nur Ausrufe über das Unerhörte des Erlebnisses einer Opernvorstellung, welche von 6 Uhr bis nach Mitternacht dauerte, vernahm. Etwas andres äußerte sich nicht, und in völliger Betäubung schlichen wir auseinander.“ [R.W.]

 

Auch wir folgten deinem Heimweg vom Theater in Richtung Waisenhausgasse. Nahmt ihr den Weg durch die Wilsdruffer Gasse am Hotel Goldener Engel vorbei? Wolltet ihr dort auf die gelungene Premiere anstoßen? Oder war das Hotel Pologne in der Schlossgasse das Ziel? Wir stöberten gegenüber noch ein wenig in der Arnoldschen Buchhandlung in den neuesten Veröffentlichungen und setzten unseren Weg fort, am Altmarkt vorbei bis zum Seetor, wo wir die Straßenbahn Richtung Blasewitz und von dort aus den Bus wieder zurück nach Graupa nahmen.

Ich wünsche dir eine gute Nacht.

Deine Ulrike

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