Der Chor der Matrosen (39)

Blick auf Dresden Richtung Loschwitz an den Hängen der Weinberge, J.C.A. Richter um 1845

Blick auf Dresden Richtung Loschwitz mit den Hängen der Weinberge, J.C.A. Richter um 1845

2. Januar 1843 Uraufführung des fliegenden Holländers

Graupa, August 2013

Lieber Richard Wagner,

als ich heute Morgen aus meinem Fenster schaute und in Richtung Borsberg blickte, sah ich – gar nichts. Ein heftiger Nebel, der sich gleich einem Theatervorhang vor mein Fenster schob, verdeckte jegliche Sicht auf den Borsberg und die Umgebung. Immer dichter wurden die Wolken, die aus dem Elbtal heraufzogen und wenig später folgte ein heftiges Gewitter. Blitz und Donner umkreisten das Lohengrin-Haus, begleitet mit grollendem Ton und einem gewaltigen Knall. Ich lauschte gerade der Ouvertüre des fliegenden Holländer. Plötzlich sah ich mich schwankend über die Dielen meiner Dachwohnung zur Küche eilen, um den Schreck des lauten Knalls in einem Schluck Wasser zu ertränken. Torkelnd ging ich zurück zum Fenster, schaute hinaus und glaubte meinen Augen nicht. Ich sah nicht den Borsberg vor mir aufragen, sondern ein gewaltiges Schiff, das schlingernd und auf den Wellen tanzend einer schützenden Bucht zulief. Ein Schauer lief mir über den Rücken. War ich verrückt geworden? Wo war der Borsberg? Plötzlich öffnete sich der Himmel, die Wolken rissen auf, kräftige Sonnenstrahlen traten hervor und ließen die umliegenden Dächer der Häuser aufblitzen. Just in dem Moment ertönte voller Kraft und Elan der Chor der Matrosen auf ihrem norwegischen Schiffe:

Steuermann! Laß die Wacht!

Steuermann! Her zu uns!

Ho! Ha! Ja! Ha!

Hißt die Segel auf! Anker fest!

Steuermann! Her!

Fürchten weder Wind noch bösen Strand,

wollen heute mal recht lustig sein!

Jeder hat sein Mädel auf dem Land, –

herrlichen Tabak und guten Branntewein!

Hussassahe!

Klipp und Sturm draus –

Jollohohe!

lachen wir aus!

Hussassahe!

Segel ein! Anker fest!

Klipp und Sturm lachen wir aus!

Steuermann! Laß die Wacht!

Steuermann! Her zu uns!

Ho! He! Jo! Ha!

Steuermann, her! trink mit uns!

Ho! He! Ja! Ha!

Klipp und Sturm – He!

sind vorbei! He!

Hussahe! Hallohe

Hussahe! Steuermann!

He! komm und trink mit uns!

Meine Güte, Wagner, so geht das nicht weiter, du machst mich noch verrückt! Was ist das für ein Spuk, der mich umgibt? Dirigierst du aus der Ferne das Bühnenbild in der Sächsischen Schweiz? Oder ist es deine Botschaft, die mir sagt, dass ich mich mehr der Musik und nicht so sehr den Orten widmen möge? Du hast recht, ich werde die Musik mit einbeziehen. Aber ehrlich gesagt, ich kann deine Musik besser verstehen, wenn ich die Bilder dazu im Kopf habe, wenn ich das Schiff vor mir sehe, wie es schwankt und schaukelt. Und ich weiß, dass du während der Flucht auf einem Schiff von Norwegen über die Nordsee in Seenot warst, Todesängste ausgestanden hast und all die Erinnerungen daran in deiner musikalischen Seele verwurzelt sind. Sind es nicht auch die Bilder, die deine Opern erleuchteten?

Die erste Aufführung des ›fliegenden Holländers‹ fand, nach vierwöchentlicher Vorbereitung, in den ersten Tagen des neuen Jahres, am Montag, den 2. Januar 1843 statt. Schon die Ouvertüre ward mit Beifall aufgenommen, der erste Akt erregte die rechte Spannung auf das Folgende. Der zweite Aufzug, der Hauptakt der Schröder-Devrient, war zumal durch ihr tief ergreifendes Spiel von unbeschreiblichem Eindruck: ›die Devrient leistete in dieser Partie vielleicht das Originellste, was sie je produziert; die Wirkung war außerordentlich; die Leute wurden bald warm, bald kalt vor Schauern der Ergriffenheit.‹ Am Schlusse des Aktes erhob sich im ganzen Hause ein Sturm sondergleichen Komponist und Sänger mußten dem Rufe des Publikums Folge leisten und auf der Bühne erscheinen. Zu glücklicher Steigerung war dann der dritte Akt mit dem tollen Spuk des Geisterschiffes und der darauf folgenden reißend schnellen Entwickelung der Katastrophe der dramatisch lebendigste und erweckte nach dem Fallen des Vorhanges einen nicht minder stürmischen Jubel und Hervorruf Aller. Schnell aufeinander folgten die nächsten beiden Wiederholungen im Laufe derselben Woche (die dritte Aufführung fiel auf Sonntag, den 9. Januar) und noch sicherer und tiefer begründet schien der Erfolg, der sich in ebenso lebhaftem Beifall äußerte, da das Publikum nun mit manchem, beim ersten Totaleindruck übersehenen Einzelnen noch vertrauter geworden sein mußte.

[C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 455−480]

2. Februar 1843 Ernennung zum Königlich Sächsischen Hofkapellmeister

Am 2. Februar 1843, vormittags zwölf Uhr, wurde Richard Wagner durch besondere Einladung der Kgl. Hoftheater-Direktion in deren Konferenzzimmer in der Expedition beschieden, um daselbst in der üblichen feierlich zeremoniellen Form die definitive Ankündigung seiner Ernennung zum Kgl. Sächsischen Hofkapellmeister ›auf Lebenszeit‹, neben Reißiger, entgegenzunehmen.

[C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 455−480]

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