Eine traurige Wanderung (10)

Das Moreaudenkmal wurde 1814 in Erinnerung an den französischen General Jean Victor Moreau (1761 ─ 1813) aufgestellt. Moreau war  ein französischer General, ein Gegner Napoleon. Er trat 1813 in russischen Dienst und wurde während der Schlacht bei Dresden im August 1813  im Räcknitzer Gebiet schwer verwundet. Erstarb noch im selben Jahr im böhmischen Laun an den Folgen seiner Verletzung.

1820 – 1821 Possendorf

18.06. 1821 Uraufführung des Freischütz von Carl Maria von Weber in Berlin

Possendorf, im Mai 2013

Lieber Richard Wagner,

Wie ernst es dagegen mein Vater mit meiner Erziehung nahm, bewies er, als er nach meinem vollbrachten sechsten Jahre mich zu einem Pfarrer auf das Land, nach Possendorf bei Dresden, brachte, wo ich in Gesellschaft anderer Knaben aus guten Familien eine vortreffliche, nüchterne und gesunde Erziehung erhalten sollte. (Glasenapp: Bd. I., S. 57−66).

Mein erster Gedanke war, als ich das las, meine Güte, wie doof, allein aufs Land, weg von all den Geschwistern. Gut, Albert war bereits als Sänger in Breslau engagiert, Julius beim Goldschmied in Eisleben in der Lehre, aber Rosalie, Luise, Klara, die neunjährige Ottilie und die kleinste, die 5jährige Cäcilie mit den Eltern zu wissen, während du allein eine „nüchterne Erziehung“ erhieltst? Na, ich weiß ja nicht. Merkwürdig. Jedenfalls war ich neugierig geworden und als ich mich heute an die Sache erinnerte, beschloss ich nach Possendorf zu fahren. Ich bog am Dresdener Innenstadtring Richtung Süden, passierte ein Gewirr von Autobahnen, Ab-, Auf- und Zufahrten mit Schallschutzwänden und Mauern. Allein einige Schilder verrieten die Orte, die dahinter verborgen liegen. Kannst du dich noch an all die Dörfer erinnern, durch die du damals auf deinem Weg von Dresden nach Possendorf durchwandertest? Nöthnitz und Räcknitz, Kaitz und Bannewitz. Sicherlich hast du auch das Moreau-Denkmal passiert, das auf der Räcknitzer Höhe liegt und von dem ein weiter Blick hinunter zum Elbtal schweifen kann. Heute steht es unterhalb der Bismarksäule, die 1906 erbaut wurde. Damals lagen die kleinen Orte wie Perlen an einer Schnur, die sich von Dresden durch die Weinberge in einem Auf und Ab nach Süden zogen. Heute durchzieht eine Hauptverkehrsstraße die ins Ländliche ausufernde Häuserlandschaft, die nur zögerlich in Feld und Wiesen übergeht und eine ehemals mediterran erscheinende Gegend aus Weinstöcken und Blumenfeldern erahnen lässt.

Ungeduldig suchte ich nach dem kleinen Dorf, in dem du ein Jahr lebtest, aber in dem Gewirr von Straßenabzweigungen, deren Richtungen nicht benannt waren, verlor ich die Orientierung. Gerade als ich an der Richtigkeit meiner Unternehmung zweifelte, erschien das Ortsschild von Possendorf und auf der Kuppe eines Hügels der Turm einer Kirche. Erleichtert, dass ich mein Ziel nun doch gefunden hatte, steuerte ich auf den Ort zu. Ich parkte vor der Kirche, stieg aus dem Auto und schlich neugierig durch ein niedriges Tor, einige Stufen hinauf in den Kirchhof. Grabsteine lagen in mystischer Stimmung im Nebel des Nieselregens, der leider inzwischen begonnen hatte und vom Elbtal die Hügel hinaufkroch, weshalb meine Fotos ein wenig düster wirken. Der Kirchturm, du wirst es sofort erkennen, ist verändert. Er wurde 1885 erhöht, sodass er heute mit seinen 57 Metern der höchste im Kirchenbezirk ist. Du kennst noch den schlanken Turm mit Barockaufbau mit Haube und Laterne, der um 1700 von August dem Starken eingeweiht wurde. Im Inneren gibt es auch noch das lebensgroße Kruzifix und den Taufstein aus dem Reformationsjahr 1542. Es ist beeindruckend wie viele Jahre diese Dinge den Ort bewachen. Nur zu gerne hätte ich das Pfarrhaus angeschaut, aber leider war es verschlossen und es war niemand zugegen. Nachdem ich das Kirchengebäude umrundet hatte, und den Kirchhof wieder verließ, entdeckte ich Überraschendes, als ich mich noch einmal umdrehte: Na, was denkst du? Genau, eine Gedenkplatte! Ich werde dir eine Liste all der Gedenkplaketten, die ich im Laufe meiner Touren entdecke, zusammenstellen, damit du einen Überblick hast, wo man sich deiner rühmt. Ich habe mich jedenfalls gefreut sie zu entdecken, so kann ich mir sicher sein, keine falsche Fährte verfolgt zu haben. Schade, dass der Tag so düster ist, im Frühling und Sommer ist es bestimmt sehr schön hier und man kann wunderbar wandern und einen Teil des Weges, den du durch die Weinberge nach Dresden zurücklegtest, nachlaufen.

Obwohl es heute düster und diesig war und die liebliche Landschaft im Nebel verborgen lag, konnte ich mir gut vorstellen, wie du in den Wiesen um die Kirche von Possendorf herumgetobt bist, mit den anderen Schülern bei dem Pfarrer Wetzel gelernt und gespielt hast und mir denken, dass es dir dort richtig gut gegangen ist. Raus aus der Dresdner Innenstadt, weg von dem Gestank in den engen Gassen, und raus aus dem Herd von Keimen und Krankheiten. Diesen tödlichen bakteriellen Infektionskrankheiten, die die Lunge befallen und einen Großteil der Todesursachen ausmachten und machen. Es wird geschätzt, dass noch heute, trotz medikamentöser Behandlungsmethoden, ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem TBC infiziert ist. So auch dein Stiefvater Ludwig Geyer, der daran erkrankt war. Im September 1821 wirst du sicher in kürzester Zeit und voller Sorge die Strecke von Possendorf nach Dresden zurückgelegt haben. Dein Stiefvater todkrank, deine Mutter in großer Not. Und dann am 30. September die Gewissheit über des Stiefvaters Ende.

Ach wie traurig! Ich muss schließen, mir kommen die Tränen.

Bis bald, ich folge dir nach Eisleben.

Viele Grüße Deine Ulrike

Zur Info:

In die kurze Zeit dieses Aufenthaltes fallen manche erste Erinnerungen von den Eindrücken der Welt: des Abends wurde uns Robinson vom Pfarrer Wetzel erzählt und mit vortrefflichen dialogischen Belehrungen begleitet. Großen Eindruck machte auf mich die Vorlesung einer Biografie Mozarts, wogegen die Zeitungs- und Kalenderberichte über die Vorfälle des gleichzeitigen griechischen Befreiungskampfes drastisch aufregend auf mich wirkten. Meine Liebe für Griechenland, die sich späterhin mit Enthusiasmus auf die Mythologie des alten Hellas warf ging somit von der begeisterten und schmerzlichen Teilnahme an Vorgängen der unmittelbaren Gegenwart aus. (Richard Wagner, Sämtliche Briefe, Band I., S. 22−2)

Im Alter von 6 Jahren kam Wagner in die Familie des Pfarrers [Christian Ephraim] Wetzel [der mit Wagners Stiefvater Ludwig Geyer befreundet war] nach Possendorf. Er verbrachte ein Jahr dort, bis eines Tages ein Bote aus Dresden kam, der mitteilte, dass der Stiefvater sehr erkrankt sei. „Wir legten einen dreistündigen Weg zu Fuß zurück, sehr ermüdet ankommend, begriff ich die tränenreiche Haltung meiner Mutter kaum.“ Der Stiefvater lag mit Brustwassersucht im Sterben. Zwei Tage später kam Pfarrer Wetzel, um ihn wieder mitzunehmen, doch schon eine Woche später holte der Bruder des Stiefvaters den Jungen ab, um ihn nach Eisleben mitzunehmen, wo Julius, sein älterer Bruder, als Goldschmied in die Lehre ging. In Eisleben wohnte Wagner im Wohnhaus Luthers am Markt, wo Akrobatenstücke aufgeführt wurden und Bläser des Husarenregiments den Jägerchor aus dem Freischütz von Weber spielten. (C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 57−66, Breitkopf & Härtel)

 

 

Ein Gedanke zu “Eine traurige Wanderung (10)

  1. Sehr geehrte Frau Eichhorn,

    Ihr Blog ist wie Bildungsfernsehen zum Lesen. Ich fahre seit Jahren nach Possendorf zu einem schönsten Golfplatz Deutschlands, doch dass dieser liebliche Ort einen so großen Gast in seiner Jugend beherbergte, war mir noch nicht bekannt. Der nächsten Golfrunde werde ich eine Runde um die Possendorfer Kirche vorausschicken und schauen, ob ich das Pfarrhaus besichtigen kann. Über das Ergebnis meiner Erkundung werde ich berichten.

    Viele Grüße

    Friedrich L.

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