Im Haus des Goldschmieds in Eisleben (11)

Oktober 1821 − Herbst 1822 Eisleben,

im Tal des Wilderbaches

(ab 19.9.1822 steht auf der Gedenktafel am Haus, ? fälschlicherweise ?)

Am Markt 55, Richard Wagner lebte nach dem Tod des Stiefvaters bei dessen Bruder Karl Geyer, einem Goldschmied, bei welchem sich bisher Bruder Julius in der Lehre befunden hatte

Eisleben, im Mai 2013

Lieber Richard Wagner,

viele Grüße aus Eisleben, der „Lutherstadt“, wie sie heute genannt wird. Auf der Durchreise in den Harz habe ich einen Abstecher in die heute 25.000 Einwohner zählende Stadt gemacht, um dir ein Foto von dem Haus, in dem du wohntest, zu machen. Das Haus am Markt, wo dein Stiefonkel Karl Geyer, der Goldschmied, lebte, ist noch ein Zeuge der vergangenen Pracht, die einst das Städtchen prägte, denn Eisleben war eine reiche und weit über die Grenzen hinaus angesehene Stadt. Schon im 11. JH als „civitas“ bezeichnet, war sie als Kreuzungspunkt zweier Handelsstraßen, der von Halle nach den Westen führenden Franken- und Rheinstraße und der von Norden nach Süden verlaufenden Kupfer- und Weinstraße, ein Zentrum für vielfältigen Warenhandel. Der zudem für den Kupferbergbau berühmte Ort ist heute allerdings ganz dem Gedenken an Martin Luther, der hier 1483 geboren wurde und 1546 starb, gewidmet. Sein Denkmals steht zentral auf dem Marktplatz, schräg gegenüber des Hauses am Markt, wo dein Onkel wohnte. Du kennst das Denkmal nicht, denn es wurde erst 1883, im Jahr deines Todes, aufgestellt. Aber vieles würdest du in dem Städtchen sicherlich wiedererkennen, denn Eisleben ist nicht, wie viele andere Städte, im Krieg zerstört worden, sodass sich der alte Stadtkern mit der St. Andreaskirche, dem Rathaus, den Bürgerhäusern, der Alten Waage und dem Gewerkenhaus erhalten hat.

Wie du auf den Fotos sehen kannst, tragen die Gebäude weiße Häubchen auf ihren Dächern, denn plötzlich gab es ein Unwetter. Gerade als ich fotografieren wollte, ging ein heftiger Hagelschauer nieder. So scheinen all die Eisleber Eindrücke mit einem weißen Puderzucker überdeckt. Auch die alte Waage an der Südseite des Marktes. Dort wo im Mittelalter alles Kupfer vor dem Verkauf gewogen wurde, standen zu deiner Zeit Handelswaren zum Verkauf. So sehe ich dich mit deinem Onkel aus dem Erdgeschoss seines Hauses am Markt 55 treten, den Platz queren, während die Glocken der Türme der St. Andreaskirche die Stunde schlagen, und die Türen des Kaufhauses öffnen, um Waren für die Goldschmiede anzubieten. Gleich um die Ecke am Holzmarkt gab es und gibt es noch heute die Mohrenapotheke. Hat der Onkel hier die Medikamente für die Oma Geyer eingeholt? Direkt vor der Apotheke stand die Postmeilensäule, die die Entfernung nach Halle, Leipzig und Magdeburg anzeigten. Direkt daneben befand sich das Gasthaus „Goldener Ring“. Dort wurden die Pferde ausgespannt und Reisende in Eisleben empfangen. So wie du in jenem traurigen Herbst 1821. Hier am Viehweider Tor, wo im Mittelalter das Vieh weidete und zu Zeiten deines Aufenthaltes die Eisleber Bürger in den Gasthöfen „Goldener Anker“, „Goldener Strom“ und „Goldenes Schiff“ speisten, tranken und logierten. Heute übernachten und speisen Touristen im „Graf von Mansfeld“, dem Nachbarhaus deines Onkels, dem ehemaligen Gewerkenhaus, in dem der Bergbauhauptmann residierte.

Sag Wagner, bist du mit dem Onkel in die Kirche gegangen? Er hat dir sicherlich die Kanzel gezeigt, von der Luther seine letzte Predigt gehalten hat. Auch den ehemaligen Gottesacker kennst du. Oma Geyer, die während deines Aufenthaltes starb, wird dort zu Grabe getragen worden sein. Übrigens hat kein geringerer als der Architekt Schinkel hier seine Spuren hinterlassen, als er 1815 den Friedhof besichtigte. Er war nicht nur verantwortlicher Architekt für die Pflege der Lutherstätten in Wittenberg, sondern auch zuständig für Kirchen und Grabanlagen in Preußen, zu dem Eisleben ab 1815 gehörte. Der sogenannte „Campo Santo“, der schon 1533 vor den Toren der Stadt angelegt wurde, folgt dem italienischen Vorbild, das in der Anlage das „Heilige Feld“ mit nach innen offenen Hallen umgibt. Der alte Friedhof ist noch erhalten. Ebenso wie einige Gräber von Eislebener Bürgern, die im gleichen Alter wie du waren und mit denen du vielleicht in jenen Wochen deines Aufenthaltes an den Bächen der Salza herumgestreunt bist und gespielt hast.

Auch kann ich dir berichten, dass ich eine weitere Gedenkplakette entdeckt habe. Am Haus Markt 55 hängt sie. Neben dem Eingang in ein Brillengeschäft: Aufenthalt von Richard Wagner, In diesem Hause hielt sich Richard Wagner ab 19. September 1822 bei seinem Stiefonkel Goldschmiedemeister, Carl Geyer, eine Zeitlang auf steht dort in verwittertem Buchstabendruck geschrieben. Das angegebene Datum gibt Rätsel auf, denn in deiner Biografie steht, dass du ab Oktober 1821 bis zum Winter 1822 in Eisleben bei deinem Onkel wohntest. Kannst du etwas Licht in die Angelegenheit bringen? Ungewissheit besteht auch über deine Erkundungen an den Uferklippen der Unstrut. Wahrscheinlich meintest du die Salza, die wie die Unstrut in die Saale mündet. Die Uferklippen der Salza, die wilde und vom Bergbau zerklüftete Landschaft der ehemaligen Kupferminen, die noch heute die Umgebung von Eisleben prägen, lassen die Streifzüge eines neunjährigen lebhaft werden. Ebenso wie die Neugierde und Begeisterung für die Soldaten der Garnisonstadt, denen er beim Aufmarsch zuschaut und den Blechmusikern der Garnisonskapelle zuwinkt. Dass diese, wie du erinnerst den Jägerchor aus dem Freischütz spielten, möchte ich leise anzweifeln. Die Uraufführung war gerade einmal im Juni in Berlin gewesen, aber vielleicht habe ich Unrecht und der später berühmte Jägerchor, hatte schon in diesem Sommer in Windeseile die Hitparaden der Garnisonsregimenter erstürmt. So schreibst du:

Die kleine altertümliche Stadt mit dem Wohnhause Luthers und den mannigfachen Erinnerungen an dessen Aufenthalt, ist mir noch in spätesten Zeiten oft im Traume wiedergekehrt; es blieb mir immer der Wunsch, sie wieder zu besuchen, um die Deutlichkeit meiner Erinnerungen bewährt zu finden: sonderbarerweise bin ich nie dazu gekommen. Wir wohnten am Markte, der mir oft eigentümliche Schauspiele gewährte, wie namentlich die Vorstellungen einer Akrobaten-Gesellschaft, bei welchen auf einem von Turm zu Turm über den Platz gespannten Seile gegangen wurde, was in mir lange Zeit die Leidenschaft für ähnliche Kunststücke erweckte. Ich brachte es wirklich dazu, auf zusammengedrehten Stricken, welche ich im Hof ausspannte, mit der Balancierstange mich ziemlich geschickt zu bewegen; noch bis jetzt ist mir eine Neigung, meinen akrobatischen Gelüsten Genüge zu tun, verblieben. – Am wichtigsten wurde mir die Blechmusik eines in Eisleben garnisonierenden Husarenregimentes. Ein von ihr häufig gespieltes Stück erweckte damals als Neuigkeit unerhörtes Aufsehen: es war der »Jägerchor« aus dem Freischütz, welche Oper soeben in Berlin zur Aufführung gekommen war. Onkel und Bruder frugen mich lebhaft nach dem Komponisten, den ich in Dresden als Kapellmeister Weber doch gewiß im Hause der Eltern gesehen haben müßte. Zu gleicher Zeit ward in einer befreundeten Familie von den Töchtern der »Jungfernkranz« eifrig gespielt und gesungen. Diese beiden Stücke verdrängten nun bei mir meine Vorliebe für den Ypsilanti-Walzer, der mir bis dahin als das wunderbarste Tonstück galt. – Ich entsinne mich, viele Raufereien mit der autochthonen Knabenbevölkerung, welche ich namentlich durch meine viereckige Mütze zu beständiger Verhöhnung reizte, zu bestehen gehabt zu haben. Außerdem tritt noch der Hang zu abenteuerlichen Streifereien durch die felsigen Uferklippen der Unstrut in meine Erinnerung. (R.W.)

Noch Eins bleibt mir für heute dich zu fragen: Lieber Wagner, du bist viel gewandert, gereist, hast viele Orte besucht und zahlreiche Dichterfährten verfolgt. Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Caspar David Friedrich und viele andere Persönlichkeiten haben den Harz besucht. Jenes von Sagen umwobene Gebirge im nördlichen Deutschland, das gleich hinter den Stadtmauern von Eisleben seinen Anstieg nimmt. Goethes Faust, Heines Reisebilder – hat dich niemals die Neugier erklommen den Harz zu besuchen? Oder hat es einfach nicht geklappt?

Meine nächsten Grüße werden dich aus dem Harz erreichen. Dort ist das nächste Ziel meiner kleinen Reise. Ich werde dir berichten, wie es mir dort ergangen ist, bevor ich wieder nach Leipzig fahre, um mich meiner nächsten Aufgabe zu widmen.

 Viele Grüße Deine Ulrike

Ein Gedanke zu “Im Haus des Goldschmieds in Eisleben (11)

  1. Ist es nicht ein herrliches Lied, dieser Jungfernkranz!?!

    Wir winden dir den Jungfernkranz
    Mit veilchenblauer Seide;
    Wir führen dich zu Spiel und Tanz,
    Zu Glück und Liebesfreude!

    Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!
    Veilchenblaue Seide!
    Veilchenblaue Seide!

    Lavendel, Myrt, und Thymian,
    Das wächst in meinem Garten;
    Wie lang bleibt doch der Freiersmann?
    Ich kann es kaum erwarten.

    Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!
    Veilchenblaue Seide!
    Veilchenblaue Seide!

    Sie hat gesponnen sieben Jahr,
    Den goldnen Flachs am Rocken;
    Die Schleier sind wie Spinnweb klar
    Und grün der Kranz der Locken.

    Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!
    Veilchenblaue Seide!
    Veilchenblaue Seide!

    Und als der schmucke Freier kam,
    War’n sieben Jahr’ verronnen;
    Und weil sie der Herzliebste nahm,
    Hat sie den Kranz gewonnen.

    Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz!
    Veilchenblaue Seide!
    Veilchenblaue Seide!

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