Ménage á trois in Riga (26)

1837 – 1839 Riga, 1837 − Schmiedestraße, heute Kaléja iela / Jana Séta, (GPS: 56°56’53, 24°06’38), 1838 − Alexanderstraße/Ecke Mühlenstraße, heute Brivibas Iela / Dzirnavu iela, (GPS: 56°57’18, 24°07’10), 3. Wagner-Konzertsaal, Riharda Vagnera 4, (GPS: 56°56’56, 24°06’36), 4. Konzertsaal Schwarzhäupterhaus, heute Latvian Salve, (GPS-Daten: 56° 56′ 50″, 24° 6′ 25″)

Im Wagner-Konzertsaal in der Riharda Vagnera 4 gleich neben dem Livenplatz befand sich einst das erste deutsche Theater der Stadt, das Stadttheater Rigas. Bedeutende Musiker hatten hier ihre  Wirkungsstätte, darunter Franz Liszt, Hector Berlioz, Robert Schumann und Anton Rubinstein. Von 1837 bis 1839 war Richard Wagner hier als erster Kapellmeister tätig, in dieser Zeit studierte er über 20 Opern ein. In Riga arbeitete Wagner an Rienzi, seiner ersten Oper.

Riga via Graupa, Juli 2013

Lieber  Richard Wagner,

nach Riga werde ich dir jetzt nicht folgen können, denn ich habe andere Pläne. Aber glücklicherweise fährt eine Bekannte demnächst nach Riga. Sie hat sich angeboten, Fotos von den Orten zu machen, an denen du gewirkt und gelebt hast. Ich stelle nun die Grundlagen dafür zusammen. Kannst du mir den Gefallen tun und kurz durchschauen, ob diese Daten richtig sind?

Zur Erinnerung habe ich dir zusätzlich deinem auch den Text des Bayreuther Hofbiografen beigefügt:

Da auch das Engagement ihrer Schwester nach Wunsch zustande kam, lud ich Minna ein, mit dieser sofort zu mir nach Riga zu kommen. Gern folgten beide meiner Aufforderung und trafen bei bereits rauher Jahreszeit am 19. Oktober aus Dresden in meiner neuen Heimat ein. (R.W.)

 

Um die Mitte August 1837 segelte Richard Wagner nach mehrtägiger Seefahrt in den breiten Dünastrom ein und sah in wachsender Nähe die Türme der längs dem Ufer gelagerten alten Hansastadt Riga vor sich aufsteigen, deren regem bürgerlichen Gemeingeist einst Herder die Erweckung und Nährung seiner eigentümlichen Ansichten über bürgerliche und Staatsverhältnisse verdankte.1 Noch vierzig Jahre später war ihm die Physiognomie der Stadt, wie er sie da mals erblickte, lebendig gegenwärtig, insbesondere auch der eigenartige Anblick der auf den Wellen schwimmenden alten Floßbrücke über die Düna. Auf der einen Seite der Brücke die hochragenden englischen Handelsschiffe, der buntbewimpelte Mastenwald, zu welchem sich die Schiffe aller Ostseehäfen vereinigten; auf der andern die russischen sog. ›Strusen‹, flache uranfängliche Flöße aus rohen Balken, mit primitiven Zelten darauf, beladen mit Flachs, Korn und Holz, das von Litauen, Polen und Rußland auf diesen Markt des Ostseehandels geführt wird: zwischen beiden der ›Makler‹! Nirgends sei ihm das Wesen des Handels so anschaulich entgegengetreten, als in diesem dichten Aneinandergrenzen der Gegensätze von Ost und West.

Das alte Rigaer Theater, von der Gesellschaft der ›Musse‹ soeben im Inneren durchaus neu aufgebaut und ohne Rücksicht auf die Kosten würdig ausgeschmückt, lag in der Königstraße im ehemals Vietinghoffschen Hause, wo es bis zum Jahre 1863 verblieb; das Theaterbureau mit dem Billetverkauf in der engen städtischen Schmiedestraße Nr. 139 im Apotheker Kirchhoffschen Hause. Zwischen beiden, vom Theaterlokal nur wenige Minuten entfernt, befand sich, ebenfalls in der Schmiedestraße, Wagners erste Rigaer Wohnung, in dem – seither umgebauten – damals Thauschen Hause, gegenüber der Mündung der Johanniskirchengasse: düster und unfreundlich, nach dem Hofe zu gelegen, dem Meister durch die darin herrschende widerliche Ausdünstung von Schnaps und Spiritus noch lange in unvergessener Erinnerung!

. . . er eine neue Niederlassung außerhalb des doppelten Gürtels der inneren Stadt – von Festungswällen und -gräben – in der St. Petersburger Vorstadt wählte.

Das Rigaer ›Rienzi‹-Haus, wie wir es wohl nach der in ihm entstandenen glutvollen Jugendschöpfung benennen dürfen, war dem russischen Kaufmann Michael Iwan Bodrow (nachmals dessen Erben) gehörig, das Eckhaus der Mühlen- und Alexanderstraße. Es hat sich seitdem im äußeren nicht wesentlich verändert; nur enthielt es damals noch keine Verkaufsläden, sondern das Parterre wurde von der Familie des Besitzers, der obere Stock von Wagner bewohnt. Der Eingang führte von der Mühlenstraße aus eine Treppe hinauf in den oberen Hausflur und durch das Vorzimmer sogleich in den Empfangs- und Arbeitsraum des jungen Meisters, worin außer dem Divan ein gemieteter Bergmannscher Flügel (aus der damals vorzüglichsten Rigaer Pianofortefabrik) seinen Platz hatte, – geradeaus zwischen beiden Fenstern der Arbeitstisch, an welchem die beiden ersten Akte des ›Rienzi‹ komponiert wurden. Aus diesem Raum gelangte man nach links in die beiden Stuben Amaliens, nach rechts in das mit roten geblümten Gardinen geschmückte Besuchzimmer, ein Eckzimmer mit je zwei Fenstern nach den beiden genannten Straßen und durch dieses rückwärts in die angrenzende Schlafstube, welche letztere gerade wie das gegenüberliegende Schlafzimmer Amaliens durch eine Tür mit dem Vorzimmer in Verbindung stand, so daß man (bei dieser Anlage der Wohnräume) nach beiden Seiten hin in die Wohnung gelangen konnte, ohne den im mittleren Raume befindlichen Hausherrn zu stören. Aus der gleichen Rücksicht hatte Amalie das für ihre Studien unentbehrliche Klavier in ihre Schlafkammer placiert, so daß es nach beiden Richtungen hin durch zwei geschlossene Türen vom Mittelzimmer getrennt war. Eine auf völliger Unkenntnis der Rigaer Ortsverhältnisse beruhende dreiste Erfindung behauptete seinerzeit, diese Niederlassung Wagners sei ›im Villenviertel der Vorstadt gelegen und über seine Verhältnisse hinaus gewählt gewesen‹, da es ihm doch vielmehr bei ihrer Wahl im Gegenteil bloß auf Entlegenheit und Zurückgezogenheit aus dem Mittelpunkte des städtischen Treibens ankam; und: ›ein eigens dazu gemieteter eleganter Wagen‹ habe ihn täglich ins Theater und wieder zurück gebracht. Die noch heute unverändert erhaltene Wohnung war so wenig luxuriös, daß sie, nach der getroffenen Einteilung, nicht einmal einen eigenen Speiseraum besaß, zu welchem Zweck vielmehr, je nach den Umständen, entweder das Besuchzimmer oder das Arbeits- und Musikzimmer zugleich mit dienen mußte. Allein sie war hell und freundlich und im Winter durch zwei solide russische Ofen gut zu erheizen, und die vorhandenen Räumlichkeiten auf das vollkommenste ausgenutzt. Der kaum viertelstündige Gang über die beiden Holzbrücken und durch die Festungstore in die Stadt war für einen rüstigen Fußgänger, wie Wagner, nur eine willkommene Motion, und es ist ihm, nach seiner eigenen Aussage gegen den Verfasser, nie eingefallen, den Weg fahrend zurückzulegen. Dieses Haus (gegenwärtig Alexanderstraße 9) ist das eigentliche Wohnhaus Wagners in Riga, in welchem er die längste Zeit seines dortigen Aufenthaltes verbracht hat: die älteren Einwohner der Petersburger Vorstadt, welche täglich an diesem Hause vorübergingen, erinnern sich wohl, ihn bei guter Jahreszeit im Schlafrock, die Pfeife im Munde, einen türkischen Fez auf dem Kopfe, aus dem offenen Fenster blickend gesehen zu haben; und es ist dem Erzähler schon in früher Jugend eindrucksvoll gewesen, wenn dabei hinzugefügt wurde, seine seinen, energischen Gesichtszüge hätten meist etwas Blasses und Leidendes gehabt.

 (C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 237−254, Breitkopf & Härtel)

Das Operngebäude wurde zwischen 1860 und 1863 im Stil des Neoklassizismus nach Entwürfen von Ludwig Bohnstedt erbaut. Geplant wurde es ursprünglich als „Deutsches Theater“, seit 1919 beherbergt das Gebäude die lettische Nationaloper. Von September bis Ende Mai werden klassische und moderne Opern und Ballett-Inszenierungen aufgeführt. Höhepunkt des Jahres ist jeweils das seit 1997 im Juni veranstaltete Opernfestival.

Schade, dass ich dir nicht aus Riga berichten kann. Eine Reise dorthin wäre schön, aber im Moment stehen andere Pläne an, deshalb fasse ich mich kurz, denn ich muss nun schließen und meine Koffer packen.

Bis bald Salut

Ulrike

2 Gedanken zu “Ménage á trois in Riga (26)

  1. For lovers of Wagner’s “Ring”, iniltnatronaely acclaimed composer/pianist DANIEL ABRAMS will be presenting the American premier of his “Musical Portraits from Wagner’s Ring” (from his “opera For Piano” series) on Wednesday, Oct. 15 at The Mannes College of Music, 150 West 85 St, NYC at 8 pm No charge: seating begins at 7:30 pm

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