Eine Pilgerfahrt nach Paris (28)

Paris, im Januar 2013

Chère Richard Wagner,

viele Grüße aus der Vorstadt, aus Paris-Meudon. Dein Wohnhaus steht noch. Ist das nicht wunderbar? Und wovon kann ich dir noch berichten? Genau, von einer Gedenktafel! Doch leider sind nicht alle deine Wohnstätten mehr erhalten. Die großen Markthallen nahe der Rue Tonnellerie wurden 1971 abgerissen. Ein Neubaukomplex wurde treppenartig mit Glashallen in die Tiefe geführt, sodass dein Wohnhaus, in dem auch Moliere geboren wurde, der Abrisswut zum Opfer fiel. Heute erinnert eine Moliere-Gedenktafel an den ungefähren Standort seines Geburtshauses. Die Rue Helder ist noch vorhanden, aber auch dort sind die alten Wohnhäuser durch Prachtbauten ersetzt worden, sodass sich der Ort deiner Wohnung heute nicht mehr ohne einen Besuch in einem Stadtarchiv nachvollziehen lässt.

Aber auch davon gebe ich dir ein Foto bei, ebenso wie von dem Opernhaus, in dem sie übrigens zurzeit Le Vaisseau fantome (Der Fliegende Holländer) zur Vorstellung geben. Du kennst das Opernhaus, das als Ersatz für den Salle de la rue le Pelletier von dem Architekten Francois Debret 1821 erbaut worden ist. Sicherlich hast du davon gehört, dass Napoleon 1858 nach dem Attentat auf ihn und seine Gemahlin das Gebäude nicht mehr betreten wollte und den Bau einer neuen Oper veranlasste. Die städtebauliche Konzeption, die maßstäblich von dem Baupräfekten Haussmann geprägt wurde, sah nun ein routenförmiges Gebäude vor, das mit seiner abgeschrägten Lage im Raster der neuen Straßenplanung einen idealen Blickfang am Ende der Avenue Napoleon III, der heutigen Avenue de l´Opéra geben sollte. 1860 wurde das Projekt in Form eines Wettbewerbes ausgeschrieben und 171 Einsender hatten ganze vier Wochen Zeit ihre Beiträge einzureichen. Die Jury, die sich sämtlich aus Mitgliedern einer klassizistisch geprägten Schule rekrutierte, beauftragte fünf der Teilnehmer mit einer Überarbeitung ihrer Beiträge in eine neue Runde, der nun ein genauer Anforderungskatalog an die Ausführung zugrunde lag. Einstimmig prämierter Gewinner dieser zweiten Runde war Charles Garnier, ein 33jähriger Architekt, der mit Theaterbauten keinerlei Erfahrungen hatte. Am 27. August 1861 begann ein nahezu 14 Jahre überspannender Zeitraum der Bauarbeiten, weil sie durch Krieg, Aufstand und eines Brandes unterbrochen wurden. Schon während der Bauarbeiten zu den Fundamenten gab es ein großes Problem, denn hohes Grundwasser erschwerte die Befestigung der Fundamente. Unter der Oper befindet sich noch heute ein unterirdischer See, der dazu animierte, mysteriöse Geschichten zu erfinden. Eine rankt um ein Phantom, das sogenannte Phantom der Oper, das angeblich mit einer Barke den See befährt. Jedenfalls fand erst am 5. Januar 1875 die Eröffnungsveranstaltung statt, aber sicherlich wird dir das noch aus Berichten in der Presse in Erinnerung sein. Im Laufe der Jahrzehnte jedoch wurde auch diese Oper zu klein und man plante wieder eine neue Oper. 1989 wurde die Opéra Bastille eröffnet. Seitdem wird die Garnier hauptsächlich für Ballettaufführungen genutzt. So werden auch deine Opern, lieber Wagner in dem neuen Hause gespielt. Zurzeit stehen Die Walküre und Rheingold auf dem Programm. Du wirst dich vielleicht fragen, wo das neue Opernhaus steht, in dem deine Stücke gespielt werden. Deshalb werde ich mich bemühen dir einige Details darüber zusammenzustellen. Kannst du dich noch an den Bahnhof Gare de la Bastille erinnern? Er liegt in Verlängerung der rue de Rivoli an der alten Stadtpforte St. Antoine am Hafen des l´Arsenal. 1982 hatte der französische Staatspräsident Mitterand beschlossen wieder ein neues Opernhaus zu bauen, um die Oper Garnier zu entlasten. Infolgedessen wurde erneut ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, wobei von den 1700 Einreichungen 756 Projekte in die Vorprüfung aufgenommen wurden. Im November 1983 bekam der eher unbekannte 37jährige Architekt Carlos Ott den Zuschlag und am 13. Juli 1989, zur 200-Jahr-Feier des Sturms auf die Bastille und dem Beginn der Französischen Revolution wurde die Oper eingeweiht. In der neuen Oper können neun Bühnen auf verschiedene Weise bespielt werden und die große Bühne ist, anders als in der Oper Garnier von allen Sitzplätzen aus gut sichtbar. Über die Qualität der Akustik ist man nach wie vor strittiger Meinung, einig ist man sich aber über die Vorteile der technischen Raffinessen, die sich hinter der gläsernen imposant geschwungenen Fassade verbergen.

Nun, mon chère Wagner, meine Reise nach Paris geht dem Ende entgegen. Es ist ein guter Zeitpunkt dir Danke zu sagen. Danke für all die Erlebnisse und Genüsse. Danke für die herrlichen Stunden mit dir und danke für den beeindruckenden Ausblick auf Paris vom Schlossberg in Meudon.

Und Chapeau für deinen Mut und deine Beharrlichkeit. Ich habe arg Schwierigkeiten gehabt mich in der mir fremden Sprache zurechtzufinden. Wie hast du das alles geschafft? Und nicht zu vergessen, danke für den Fliegenden Holländer!

Für meine Freunde habe ich eine kleine Zusammenfassung geschrieben, die ich dir gerne zur Korrektur vorlegen möchte. Mit der Bitte um gelegentliches Zurücksenden verbleibe ich

Hochachtungsvoll

Deine Ulrike

P.S.: Übrigens habe ich in Paris dein Buch gelesen. Eine Pilgerfahrt zu Beethoven. Vielleicht werde ich eines Tages meine Briefe an dich eine Pilgerfahrt zu Richard Wagner nennen, wer weiß. . .

… zum eBook

 

Richard Wagner in Paris 1839 - 1842

Richard Wagner in Paris 1839 – 1842

2 Gedanken zu “Eine Pilgerfahrt nach Paris (28)

  1. Liebe Frau Eichhorn,

    da haben Sie drei Jahre in zwei Beiträgen kurz und prägnant zusammengefasst. Das hat mein Interesse nach mehr geweckt, gerade weil meine Frau und ich vorhaben, Paris im Frühjahr zu besuchen. Dann haben wir Gründe genug drei Tage länger zu bleiben, um uns auch das Haus in Meudon anzuschauen. Hoffentlich ist das gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

    Die umfassende Beschreibung zur Vorbereitung auf meine Reise finde ich sicher in Ihrem Buch.

    Herzlichen Dank für Ihre umfassende Arbeit.

    Ihr Friedrich L.

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