Wagner und die Madonna von Carlo Dolci (32)

Lieber Richard Wagner,

mein kurzer Rundgang durch Aussig (Ústi ad Labem) gab mir keinen bleibenden Eindruck der Pracht, die diese Stadt einmal beherrschte. Vorbei die Blüte um Weinanbau, Weberhandwerk, Papierfabrikation und eines betriebsamen Schiffsverkehrs. Einst als Warenumschlagplatz vom Land– auf den Schiffverkehr, der hier Elbabwärts begann, mit einträglichen Einnahmen gesegnet, ist die Stadt heute geprägt durch hässliche Verkehrswege, zahlreiche Großbetriebe und unschöne Plattenbauten.

Übrigens habe ich die Madonna von Carlo Dolci, die dich in der Kirche von Aussig so sehr beeindruckte, dort nicht ausmachen können, aber ich habe ein wenig recherchiert und bin fündig geworden. Das Bild hängt nun in Tokio in einem Museum. Wahrscheinlich hat das Bild in den Kriegsjahren einen nicht nachvollziehbaren Weg genommen, denn wertvolle Bilder, wie dieses, waren reizvolle Kriegbeute. Inzwischen werden viele Bilder über das Internet angeboten, sodass sie von Museen aufgekauft werden und wieder öffentlich ausgestellt werden können.

„– In der Stadtkirche von Aussig ließ ich mir die Madonna von CARLO DOLCI zeigen: das Bild hat mich außerordentlich entzückt, u. hätte es Tannhäuser gesehen, so könnte ich mir vollends ganz erklären, wie es kam, daß er sich von Venus zu Maria wandte, ohne dabei zu sehr von Frömmigkeit hingerissen zu sein.  Jedenfalls steht nun die Heilige Elisabeth bei mir fest. – – „

    (6. September 1842 an Ernst B. Kiez in Paris, Richard Wagner: Sämtliche Briefe Band II., S. 153)

Mein nächstes Ziel, Teplitz, liegt ungefähr 16 Kilometer entfernt von Aussig und so machte ich mich auf den Weg und fuhr von Aussig auf der Landstraße Richtung Nordwesten. Ich gelangte über eine Hügelkuppe in eine Niederung, die sich parallel am Südhang des Erzgebirges in ost-westlicher Richtung ausdehnt und im weiteren Verlauf in das Tal der Eger mündet. Just als ich darüber nachdachte, warum Mitte des 19. Jahrhunderts so viele Personen diese Gegend zur Erholung aufsuchten, brachen die Wolken auf und Sonnenstrahlen fielen auf die auslaufenden Hügel des Erzgebirges. Überraschend mutete die Gegend nun südlich, ja fast mediterran an. Ich konnte mich einer spontanen Begeisterung nicht verschließen, hielt an und nahm ein Foto für dich. Der Blick lässt erahnen, warum sich die Kurbäder Teplitz, Karlsbad, Marienbad am Fuß des Erzgebirges wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihen. Es ist kein Wunder, dass du Gast in all den schönen Orten warst. Ich habe mir zur Übersicht einen Plan und eine Liste zusammengestellt. Habe ich alles bedacht? Übrigens hießt heute der Weg an dem dein Quartier stand Richard-Wagner-Straße.

Bis gleich in Teplitz

Deine Ulrike

Ein Gedanke zu “Wagner und die Madonna von Carlo Dolci (32)

  1. Sehr geehrte Frau Eichhorn,

    vor nicht allzuwenigen Wochen, genauer im vergangenen Spätsommer war auch ich in der Gegend unterwegs, weil mich die Bäderarchitektur der Region sehr interessierte. Nachwievor finde ich die Gegend sehr interessant für erholsame Spaziergänge und ausgiebige Wanderungen, und kann diese hier nur jedem empfehlen, auch wenn man mit Wagner nichts am Hut hat.

    Sagen Sie, Wagner war doch ein begeisterter Wanderer. Wissen Sie ob er in dieser Gegend auch unterwegs war?

    Viele Grüße nach Berlin
    Friedrich L.

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