Rienzi und die erste Dresdner Wohnung (34)

1842 Dresden, ab August – Ende Oktober Waisenhausgasse 5, II. Treppe, Nach der Rückkehr aus Teplitz bezogen Wagners eine möblierte Wohnung mit Fenstern zur Johannisallee, die Hauswirtin schenkte einen frisch geborenen Hund an Wagner, der ihn  “Peps” oder auch “Striezel” nannte. Richard Wagner begann mit den Proben des Rienzi

Lieber Richard Wagner,

Dresden, im August 2013

wieder zurück in Dresden, bin ich heute auf deinen Spuren in der Seevorstadt unterwegs gewesen. Ich bin die Waisenhausstraße entlang geschlendert, habe Fotos vom Seetor genommen und der Gegend um die Verlängerung der Seestraße, der Prager Straße. Dort, wo nach dem Krieg die Wiesen der Seevorstadt gemäht wurden, verläuft heute eine langgestreckte Einkaufsstraße. Den Anblick in die Waisenhausstraße möchte ich dir ersparen. Diese ehemalige Verbindung zwischen der Johannisstraße und dem Dippoldiswerder Platz gestaltet sich heute als schmale Anliefergasse zu neu erbauten Kaufhäusern. Die heutige Hautverbindung zwischen der nun Petersburger genannten Straße und dem Dippoldiswerder Platz heißt heute Dr. Külz-Ring und liegt auf dem Areal der Johannes- und Friedrichsallee, zu der die Fenster eurer damaligen Wohnung hinausschauten. Dr. Külz war mir bis heute unbekannt, aber Recherchen haben ergeben, dass Wilhelm Leopold Friedrich Külz (1875 – 1948) ein deutscher Politiker war, der 1926 das Amt des Reichsinnenministers innehatte und 1945 bis 1948 Vorsitzender der Liberalen Demokratischen Partei Deutschlands war. Aber zurück zur Prager Straße. Sie entstand ab 1851 als Verbindung zwischen Altmarkt und Hauptbahnhof, der 1848 als Böhmischer Bahnhof die Verbindung Richtung Böhmen eröffnete. Heute ist die Prager Straße eine große Fußgänger-Einkaufsstraße flankiert mit Neubauten zahlreicher Kaufhausketten. Charmant ist etwas anderes, aber dennoch komme ich nicht umhin zu sagen, dass sie funktioniert. Die Meile ist voller Einkauftütentragender Kauflustiger, die vom Bahnhof oder vom Altmarkt kommend seitwärts in die Kaufhäuser schlüpfen, anliegende Kinosäle besuchen oder einen schnellen Imbiss nehmen. Am Ende der Meile öffnet sich ein großer Platz und der Dresdner Hauptbahnhof tritt in den Blickpunkt. Er ist 1898 an Stelle des ehemaligen Böhmischen Bahnhofs errichtet worden und in einer einzigartigen Kombination aus Kopf- und Inselbahnhof konzipiert worden, um kurze Wege beim Umsteigen zu ermöglichen. Denn hier konnte man und kann man noch heute hervorragend umsteigen, nachdem man die Verbindung zwischen den Bahnhöfen in der Dresdner Neustadt und den Bahnhöfen südlich der Elbe geschaffen hatte.

Bis gleich am Dresdner Hauptbahnhof.

Grüße Ulrike

Anbei zur Info:

…nachdem ich mir in einem sonderbaren, jetzt niedergerissenen Hause eine auf die Maximilianallee blickende kleine Wohnung gemietet … wir lebten in einer kalten Wohnung kümmerlich aber hoffnungsvoll der leider sich sehr verzögernden Erlösung entgegen“ [R.W.]

 

Sodass ich mir an der Johannis-Allee, vom Markte aus die Seegasse hinunter, in der Waisenhausgasse Nr. 5, Links im Hofe eine Wohnung anmietete, wenige Häuser von der Ecke entfernt, in einem alten Haus 2 Treppen hoch, mit niedrigen Zimmern. 5 Fenster gingen zur Promenade heraus, 2 anständige Zimmer á 2 Fenster und eines á 1 Fenster: recht hübsch meublirt, 2 Betten mit Matrazen etc. Dazu Mitbenutzung einer Küche. . . „

[Richard Wagner, Sämtliche Briefe, Band II., S. 132−140]

Auf der Etage befand sich eine weitere Stube mit einer Kammer, die für zwei Wochen noch frei war, weil der Mieter erst später eintreffen sollte. Wagner reservierte diese Stube für seine Mutter, die er gerne bei seiner Rienzi-Premiere dabei wußte. Das Haus lag in der Nähe des Seetors. Das alte, sonderbar aussehende, baufällige, einstöckige Haus im Rokoko-Stil wurde bald darauf niedergerissen und drei Häuser daraus gemacht: 5 a, 5 b und 5 c.

 [C.F. Glasenapp: Das Leben Richard Wagners, Bd. I., S. 436−455, Breitkopf & Härtel]

Waisenhausgasse, Ausschnitt eines Planes von Dresden um 1840

Waisenhausgasse, Ausschnitt eines Planes von Dresden um 1840

Badefreuden in Teplitz (33)

1842 Teplitz, (Teplice)

19. Juli – Anfang August, Hotel „Zur Eiche“, Wagners bewohnten vier geräumige Zimmer im letzten Haus an der Turnaischen Wiese, 50 Schritt bis zum Turnaischen Garten, während die Mutter im Hotel „Zum Blauen Engel“ wohnte.

Teplitz, Juli 2013

Lieber Richard Wagner,

viele Grüße aus Teplitz, früher Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov). Ich habe mich mehrmals gefragt, warum du in deinen Briefen immer Töplitz statt Teplitz schriebst. Ein historischer Plan hat das Rätsel nun gelöst. Auf dem Plan sind sowohl der Ort Teplitz als Toeplitz gekennzeichnet. Aber auch die Orte Schönau und Turna dargestellt, sodass ich die Lage eures Hotels “Zur Eiche” in Schönau an der Turnaer Wiese ziemlich punktgenau treffen kann. Und siehe da, ich lande in einem anderen Stadtplan von 1935 an genau dieser Stelle auf der Richard-Wagner-Straße. Sie führt in direkter Linie vom Bahnhof in Richtung Schlackenburg und wird heute Vrchlického genannt. Lag dort die Turnaische Wiese von er du sprachst? Lag dort das Hotel „Zur Eiche“?

Ansonsten habe ich wenig gute Nachrichten für dich. Leider ist auch diese ehemals pittoreske Stadt den Kriegszerstörungen zum Opfer gefallen. Die Häuser um den Schlossplatz und das Kaiserbad sind noch erhalten oder wieder aufgebaut worden, sodass sich hier eine kleine Ahnung finden lässt, was es einmal gewesen sein könnte. Das Schloss, dessen Teile spätgotische, barocke und klassizistische Baustile aufzeigen, stand über 300 Jahre bis 1945 im Besitz einer Adelsfamilie aus Oberitalien und war Treffpunkt namhafter Personen aus Politik und Gesellschaft, wie Casanova, Goethe, Chopin und auch Liszt. Das weitläufige Anwesen beherbergt heute das Regionalmuseum. Dazu gehört ein weitläufiger Schlosspark und ein Theater. Leider sind in den meisten Teilen des Ortes die Häuser durch betonartige Ungetüme überbaut worden, sodass sich die weltberühmte Bäderarchitektur leider nicht erhalten hat. Nur wenige Eindrücke sind noch verblieben, die ich dir gerne wieder beilege. Aber dennoch ist die zirka 50.000 Einwohner zählende Stadt bemüht die vor dem Verfall bewahrten Häuser weiter zu sanieren und zu erhalten, sodass die ehemals stark frequentierten Heilquellen wieder Beachtung finden und Touristen zum Kuren anregen. So können sich kulturinteressierte Besucher im ehemaligen Renaissancebau des Schlosses am Schlossplatz auf eine Reise in die historischen Ursprünge begeben und anhand von Gemälden, Skulpturen und Grafiken, sowie Glas und Porzellan einen Eindruck alter Zeiten verschaffen. Dazu gehört auch die Entwicklung von einer Stadt der Heilquellen im 19. Jahrhundert, als du in Teplitz zu Gast warst, zu einer Stadt der Industrialisierung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begann auch in der Umgebung von Teplitz der Abbau von Hartbraunkohle im größeren Stil. Die Stadt hatte sich, begünstigt durch die in der Umgegend befindlichen reichen Braunkohlenlager, zu einem bedeutenden Industrie- und Handelsplatz entwickelt. Textil-, Metall-, Porzellan-, Glas-, Nahrungsmittel- und chemische Industrie siedelten sich hier an, was sicherlich als Grund für die großflächige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gesehen werden kann.

Schade, aber nicht nur dadurch ist die Spurenverfolgung deiner Reisen nach Teplitz eingeschränkt, auch die Sprachbarriere ist nicht zu unterschätzen, denn all die Hinweise zu den historischen Orten und Plätzen sind auf Tschechisch und da ich des Tschechischen nicht mächtig bin, sind mir eindeutig Grenzen gesetzt.

So werde ich mich wieder auf den Heimweg machen und über die Höhen des Erzgebirges nach Altenburg und durch das Müglitztal zurück nach Graupa reisen und deinen weiteren Spuren in Dresden folgen, denn nach eurem Aufenthalt in Teplitz begann für dich der Alltag in Dresden. Wohnung suchen, Kontakte aufbauen, Arbeit und Geld beschaffen.

Bis bald wieder in Graupa

Viele Grüße Deine Ulrike