Ein Ausflug nach Rathewalde (41)

Die Altradner Schlossruine hinter dem Lehngerichte und Ansicht der Bastey, J.C.A. Richter um 1830 und 2012

Fährstation Rathen mit Gierseilfähre. Beim “Gieren” wird die kinetische Energie des strömenden Wassers ausgenutzt, um Bewegungen senkrecht zur Strömungsrichtung zu erreichen. Die Fähre pendelt an einem langen Halteseil das am Grund des Stromes außerhalb der Fahrrinne fest verankert ist und durch Bojen an der Oberfläche gehalten wird. Bei Schiffsverkehr verbleibt die Fähre auf der Ankerseite. Das Halteseil spaltet sich etwa 30 m vor der Fähre in zwei Führungsseile auf, deren Länge über Winden verstellt werden kann. Der Anstellwinkel der Fähre zum Strom bewirkt, dass der Druck des strömenden Wassers die Last zum anderen Ufer befördert.

Rathewalde, August 2013

Lieber Richard Wagner,

kennst du den Amselgrund? Bist du am gurgelnden Wasser des Grünbaches entlang geschlendert, hast dem rauschenden Bächen des Amselfalls gelauscht, eine kleine Erfrischung in der Mühle gleichen Namens genommen? Vielleicht kennst du den Weg von der Elbe-Fährstation in Rathen, am Grünbach entlang bergan nach Rathewalde. Ich nehme es einfach einmal an. Denn dort wohnte ein Freund von dir. Sogleich fällt sie dir ein, die Person, die dir über viele Jahre sehr nahe stand. Anton. Anton Pusinelli. Dein Arzt und langjähriger Freund, dein Sponsor und treuer Wegbegleiter bis ins hohe Alter. So einen findet man heute kaum mehr. Ein Mensch, der ganz fern ab des eigenen Berufsstandes Unterstützung für hochfliegende, noch unsichere Pläne gewährt. Einer, der über viele Jahre treu und uneigennützig handelt. Ja, der Anton und seine Bertha, wirst du sagen, das waren feine Leute. Man sagt, dass ihr euch bei der Dresdner Liedertafel anlässlich deines Geburtstages 1843 kennengelernt hattet. Dreißig bist du geworden an jenem Samstag im Mai, als die Mitglieder der Dresdner Liedertafel eine fröhliche Zusammenkunft vereinte. Ich sehe euch förmlich vor mir, wie ihr beschwingter Stimmung und lockeren Schrittes durch die Altstadt über den Postplatz nach Hause schlendertet, der gemeinsamen Richtung nach Hause folgend,  in die Marienstraße, eure Liebsten im Arm, fröhlich singend und rufend in die Nacht hinein. Der 28jährige junge Medicus Anton umschlang voller Stolz seine 22jährige Braut, die er im Juni des vorigen Jahres geehelicht hatte und die die Mutter von insgesamt neun Kindern werden sollte.

Insgesamt vierundachtzig Briefe habe ich zusammengezählt, die du an deinen treuen Freund Pusinelli schriebst. Man sagt, dass er dir die ersten drei Opern herausgebracht hat, deine Frau Minna bis zu ihrem Tod 1866 ärztlich bereut hat und er einen Richard-Wagner-Verein in Dresden gründen wollte. Ich habe deinen Brief an Bertha anlässlich seines Todes herausgesucht und für dich zur Ansicht beigelegt. Ich weiß nicht, ob du jemals sein Grab besucht hast, aber du wirst sicherlich wissen, dass er mit seiner Frau auf dem Katholischen Friedhof in der Friedrichstadt begraben liegt. Pusinellis achtes Kind, Karl, der 1856 in Dresden geboren und ebenfalls Arzt wurde, kennst du. Er hat dafür gesorgt, dass an deinem 50. Todestag, als in Bayreuth mit großen Huldigungen deiner Gedacht wurde, ein Strauß Mimosen auf das Grab deiner vergessenen Minna gelegt wurde.

 (Quelle: Ein Rathewalder, der Richard Wagner kannte, Richard Wagner und die Familie Pusinelli, von Kantor Rafeld Rathewalde, Pirna 1933)

Jedenfalls kann ich dir berichten, dass ich heute Herrn Antons Feriendomizil besucht habe. Es steht noch. Es ist ein Haus im Elbsandsteingebirge, in einem Dorf oberhalb der Elbe nahe der Stadt Rathen. Kennst du es? Das kleine Dorf heißt Rathewalde. Erinnerst du dich? Ein freundlicher Herr aus Rathen, der von meinen Plänen, dir aus heutiger Zeit zu berichten, aus der lokalen Presse erfahren und mich kontaktiert hatte, führte mich dorthin. Wir hatten uns an der Elbfähre in Rathen verabredet. Um acht Uhr am Morgen machte ich mich auf den Weg, fuhr über Pirna Richtung Süden nach Struppen, bog links ab und fuhr über Weißig nach Rathen, zur Elbfährstation von Rathen. Der eigentliche Ort mit dem historischen Stadtkern und der alten Burg liegt auf der gegenüberliegenden Seite am Fuße der berühmten Bastei.

Der Herr, ein Nationalparkführer der Sächsischen Schweiz, empfing mich an der Elbfähre in dem linkselbischen Oberrathen, wo ich von der Bahnstation kommend auf ihn traf. Gemeinsam bestiegen wir die Fähre, die noch heute mit der auch dir bekannten Gierseiltechnik das Ufer wechselt und die Passagiere übersetzt.

Obwohl heutzutage vielfältige Möglichkeiten für die Überquerung der Ströme möglich sind, hat man sich dazu entschlossen die Fähren mit dieser alten Technik zu erhalten und zu fördern, denn sie ist umweltfreundlich, geräuscharm und zuverlässig. Es gibt noch viele dieser Fähren in Sachsen-Anhalt, Sachsen und auch Tschechien, die ohne Motorkraft, nur die Strömung ausnutzend als Verkehrsmittel dienen. Das beruhigende Plätschern der kleinen Wellen, die durch das „Gieren“ erzeugt werden und die fröhliche Stimmung der Mitreisenden versetzten auch mich in eine entspannte Stimmung, sodass ich befreit von meinen Alltagsgedanken mit meinem Begleiter den Weg vom Anleger durch Altrathen auf dem malerischen Weg am Grünbach entlang hinauf nach Rathewalde beschritt. Die schmale Schlucht, die sich am Fuße der Bastei in das Elbsandsteingebirge hineinschlängelt gehört heute zu einem Länderübergreifenden Naturschutzprojekt, das europaweit die Belange der als Nationalparks deklarierten Gebiete betreut. Allgemeine Informationen über den „Nationalpark Sächsische Schweiz“, Geologie, Fauna, Flora, sowie Führungen, Programme, Karten und Bücher werden den Besuchern, die diese einmalige und besondere Landschaft kennenlernen möchten, zur Verfügung gestellt. So durfte ich die urwüchsigen Formationen der Sandsteine, die mit Moss überwucherten Steilwände, die Naturbelassene Bewaldung und Bewachsung bewundern, wie auch dem Zwitschern der Vögel und gurgelnden Geräuschen des Grünbaches lauschen und die Ursprünglichkeit der Natur bestaunen, die mich und meinen Begleiter auf den nahezu drei Kilometern begleitete.

Es klingelt an meiner Tür, bis später . . .

Ulrike