Turtelei in Bad Lauchstädt und “Das Liebesverbot” (19)

1834 Sommerengagement des Magdeburger Theaterensembles
Bad Lauchstädt, Goethestraße 14

Bad Lauchstädt, im Juni 2013

Lieber Richard Wagner,

ich habe noch ein wenig Zeit, denn mein Termin bei dem Verleger in Leipzig ist erst übermorgen. Dann kommt auch mein Mann von seiner Geschäftsreise zurück, um mich dort zu treffen. Ich glaube, er hat ein schlechtes Gewissen, weil er mich gestern so sehr angefahren hat. Er ist aufbrausend wie du.
Ich habe heute Morgen weiter in deiner Biografie gelesen und erfahren, dass du nach deiner Rückkehr aus Würzburg einen Ausflug nach Teplitz unternahmst. Dein Freund Theodor Apel (der Sohn des Besitzers des Königshauses, wenn ich recht erinnere) begleitete dich im Sommer 1834 dorthin. Ob es das Haus, in dem euer Hotel “König von Preußen” lag, noch gibt? Vielleicht sollte ich einmal nach Teplitz reisen, es ist nicht so weit von Graupa entfernt. Jedenfalls las ich von euren Wanderungen zur Schlackenburg und deiner Komposition Das Liebesverbot, (Uraufführung am 29. 3. 1836 in Magdeburg) und dem Angebot der Magdeburger Theatergesellschaft für die Stelle eines Musikdirektors in Bad Lauchstädt. Da habe ich heute die Gelegenheit genutzt und bin bei herrlichem Sonnenschein ganz kurz entschlossen von Leipzig Richtung Westen, ins 55km entfernte Bad Lauchstädt gefahren, habe einen kleinen Ortsrundgang gemacht, im ehemaligen Kursaal gespeist und mir das Theater und das Haus, in dem du wohntest, angeschaut. Auch hier hängt eine Gedenkplakette, ich ergänze sie in meine Liste…

Man erbot sich mir beim Aufsuchen einer Wohnung behilflich zu sein, und ein junger Schauspieler, den ich zufällig von Würzburg her kannte, übernahm es, hierzu mein Führer zu sein. Er sagte mir, indem er mich nach der ihm bekannten besten Wohnung führe, werde er mir zugleich die Annehmlichkeit verschaffen, mich zum Hausgenossen des hübschesten und liebenswürdigsten Mädchens, welches gegenwärtig in Lauchstädt anzutreffen, zu machen: dies sei die erste Liebhaberin der Gesellschaft, Fräulein Minna Planer, von welcher ich gewiß schon gehört haben würde. Der Zufall fügte es, daß schon unter der Tür des bewußten Hauses uns die Verheißene entgegentrat. Ihre Erscheinung und Haltung stand in dem auffallendsten Gegensatze zu all den unangenehmen Eindrücken des Theaters, welche ich soeben an diesem verhängnisvollen Morgen empfangen: von sehr anmutigem und frischem Äußern, zeichnete die junge Schauspielerin sich durch eine große Gemessenheit und ernste Sicherheit der Bewegung und des Benehmens aus, welche der Freundlichkeit des Gesichtsausdruckes eine angenehm fesselnde Würde gaben; die sorgsam saubre und dezente Kleidung vollendete den überraschenden Eindruck der sehr unerwarteten Begegnung. Nachdem ich ihr im Hausflur als der neue Musikdirektor vorgestellt war und sie überrascht den für diesen Titel so jugendlichen Ankömmling gemessen hatte, empfahl sie mich der Hauswirtin freundlich zur guten Unterkunft und ging mit Stolz ruhigem Schritte über die Straße dahin in die Theaterprobe. Auf der Stelle mietete ich die Wohnung, sagte für Sonntag Don Juan zu, bereute sehr, mein Gepäck von Leipzig nicht mitgebracht zu haben, und beeilte mich schleunigst dahin zurückzukehren, um noch schleuniger wieder nach Lauchstädt zu kommen. Um das Stübchen unter der Wohnung Minnas als meine neue Heimat ansehen zu dürfen… (R.W.)

 

Nach Leipzig selbst aber war ich über das Gut Apels mit diesem, welcher in Lauchstädt dazu mich abgeholt hatte, gereist. Diese Abholung von Lauchstädt ist mir durch ein wüstes Gelage in Erinnerung geblieben, welches mein vermögender Freund mir zu Ehren im Gasthofe veranstaltet hatte. Bei dieser Gelegenheit nämlich war es mir und einem der Genossen gelungen, einen ungeheuren Kachelofen von massivster Bauart, wie er sich in unsrem Gasthofzimmer befand, vollständig zu demolieren. Wie das zustande gekommen, waren wir am andren Morgen sämtlich unfähig zu begreifen.“ (R.W.)

Also Wagner! „Da habt Ihr Euch die Hucke voll gesoffen“, würde man heute dazu sagen. „So sternhagelvoll war der?“ fragte mein Mann, als ich ihm davon am Telefon erzählte. Aber von eurem Gelage einmal abgesehen, habe ich meinem Mann auch von einer anderen Entdeckung erzählen können: auf meinem Rückweg von Bad Lauchstädt nach Leipzig durchfuhr ich ein kleines Dörfchen. An einem Straßenabzweig kurz vor Ortsende wurde ich auf ein Hinweisschild aufmerksam: Rittergut Ermlitz. Spontan folgte ich meiner Neugierde, bremste und bog ab in die kleine Gasse, die auf ein Herrenhaus zuführte. Barockes Schmuckstück in der Elsteraue verriet mein „Schlauermeier-App“, mein Handy mit Internetanschluss. Aber es verriet nicht nur das, sondern auch:

Das Haus war als Wohnhaus eines ehemaligen Rittergutes, das landwirtschaftlich genutzt wurde, um 1700 von Carl Ludwig von Bose erbaut. Sein Sohn Carl Hieronymus von Bose führte die Bautätigkeit des Vaters fort, sah sich aber gezwungen nach den Wirrnissen des Siebenjährigen Krieges das Haus zu verkaufen. Als Käufer fand sich 1771 der Leipziger Jurist, Ratsherr und spätere Bürgermeister Dr. Heinrich Friedrich Innozenz Apel. Apel kaufte das Rittergut als Sommersitz für seine Familie. Die Familie Apel war mit Seidenhandel vermögend geworden und beteiligte sich rege am politischen und kulturellen Leben der Stadt Leipzig. So lenkte Heinrich Friedrich Innozenz Apel nicht nur als Ratsherr und Bürgermeister die politischen Geschicke der Stadt, er hatte auch ein großes Interesse an Kunst und Kultur und war beispielsweise Kurator der Thomas- und Nikolaischule in Leipzig. Auch seine Nachfahren, unter ihnen Johann August Apel (1771 ─ 1816) Jurist und Ratsherr der Stadt Leipzig. Zu seinen engsten Freunden zählten der Literat Friedrich Laun und der Musiker Carl Maria von Weber, aber auch Friedrich Rochlitz, Friedrich Baron de la Motte Fouqué und Friedrich Kind gehören zum Freundeskreis des eher schüchternen Apel, dessen Sohn Theodor Apel mit Richard Wagner eng befreundet war. Der Sommersitz Ermlitz entwickelte sich zum Zentrum künstlerischen Lebens der Familie Apel und ihrer berühmten Freunde. Dies endete 1945, als die Familie enteignet und über Nacht von Haus und Hof vertrieben wurde. Seit 2001 hat der Nachfahre Gerd-Heinrich Apel, dem das Gut nach der Wende wieder rückübereignet wurde das Anwesen in eine Stiftung überführt, in die Apelsche Kultur-Stiftung, die Kulturveranstaltungen fördert, künstlerische Arbeiten unterstützt und das sanierte Herrenhaus für Feste und Veranstaltungen zur Verfügung stellt.

Das Liebesverbot
Titel: Das Liebesverbot, auch Die Novize von Palermo,
Große komische Oper in zwei Akten , Richard Wagner frei nach Shakespeares Maß für Maß

Musik und Libretto: Richard Wagner

Entstehungszeit: 1834−36

Uraufführung: 29. März 1836 in Magdeburg am 6. April 1835 (nur zwei Duette aus dem 1. Akt)

Spieldauer: ca. 2½ Stunden

Ort und Zeit der Handlung: Palermo, 16. Jahrhundert