Der Tannhäuser auf der Burg Schreckenstein (31)

1842 Schreckenstein bei Aussig

Aussig, im Juli 2013

Lieber Richard Wagner,

viele Grüße aus Teplitz, dem heutigen Teplice. Die Lektüre der Zeilen des unbekannten Autors haben mich neugierig gemacht. Heute Morgen gleich machte ich mich auf den Weg nach Teplitz ins Böhmische. Von Graupa aus fuhr ich mit dem Auto über Pirna nach Königstein, von dort an der Elbe entlang über die deutsche Grenze bei Schmilka nach Tschechien hinein. Es ging weiter, vorbei an Hernskretschen (Hrensko) durch ein enges und düster wirkendes Tal bisTetschen (Děčín). Leider war der Himmel wolkig und die Sonne lugte nur selten hervor. Nicht nur dadurch wirkte die Gegend grau und düster, auch ließen fehlende Farbe an den Häusern die Orte und Städte finster und grau erscheinen. Die zahlreichen verfallenen Industrieanlagen taten ihr Übriges, sodass ich froh war, als ich mein Ziel, die Burg Schreckenstein (Hrad Střekov) oberhalb der Stadt Aussig (Ústi ad Labem) erreicht hatte. Voller Neugier stieg ich aus dem Auto, schaute zu den auf dem Berg liegenden Ruinen hinauf und betrat die Burg, die heute wieder in Privatbesitz, jedoch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Mein erster Blick fiel, als ich das Burgtor durchschritt — auf eine Gedenkplakette. Lieber Wagner, es ist — ich habe mitgezählt — die 15. Gedenktafel. Ich war beeindruckt. Beeindruckt war ich allerdings mehr noch von der einzigartigen Lage, die sich bei einem Rundblick von dem Terrassenplateau aus über die Elbe, die hier scharfkantig an dem steil aufragenden Felsen der Burg entlang fließt und einen Bogen nach Süden nimmt, offenbart. Mein Blick schweifte nach Norden, Richtung Aussig (Ústi ad Labem), wo die Elbe aus den Bergen in eine Niederung tritt, glitt weiter an den gegenüberliegenden Berghängen entlang der Elbe nach Süden, wo er in den sich verschneidenden Hängen der bewaldeten Hügel versank. Eine ideale Stelle um Wegezölle zu nehmen, wie es Anfang des 14. Jahrhunderts auch geschah. Als ich von der Terrasse des kleinen Ausflugskiosks zur Elbe hinabschaute, wurde mir beinahe schwindelig, so steil fällt der Felsen hinab in das tiefe Tal. Ich nahm ein paar Fotos. Verzeih die düsteren Bilder, aber der Tag war leider regnerisch, nur selten schaute die Sonne zwischen den Wolken hervor. Mein Rundgang führte mich von der Terrassenaussichtsplattform weiter den Berg hinauf durch eine Burgruinenlandschaft, die seit dem 30jährigen Krieg, als die Gegend von den Schweden verwüstet wurde, die Anlage prägt. Ich erreichte den Bergfried, ein Turm, der erhalten ist und eine winzige Kapelle, in der eine kleine Ausstellung präsentiert wird. Sieh, lieber Wagner, in der Fensternische hängt ein Bild von dir. Es muss diese einzigartige Lage gewesen sein, die Künstler, wie dich, Ludwig Richter, Caspar David Friedrich und Theodor Körner inspiriert haben, dort zu dichten, zu komponieren und zu zeichnen. Die beigefügten Bilder, die in dem Kapellenraum als Reproduktion hängen, sind dir sicher bekannt.

Sag, lieber Wagner ist das wirklich wahr, wie es in den Überlieferungen erzählt wird, dass du des Nächstens im weißen Leinentuch eingewickelt in gespenstischer Haltung auf der Burg herumgelaufen bist, singend und pfeifend?

Nun gespenstisch ist die Kulisse noch heute. Und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie anregend und inspirierend dein Aufenthalt hier gewesen ist. Gerne wäre ich länger geblieben und in die Stimmung eingetaucht, wenn die Dämmerung sich über die Hügel legt und die Nacht die Lichter aus der Ferne zeigt. Ich hätte meinen CD-Player aufgestellt, deinen Tannhäuser aufgelegt, hätte mich an das Fenster der Burgkapelle gesetzt und der Musik gelauscht. Ach Wagner! Leider hatte ich weder meinen CD-Player dabei, noch deinen Tannenhäuser.

Aber ich werde, wenn ich wieder in Graupa zurück bin eine Hörprobe vom Tannhäuser nehmen und dir berichten.

Ich freue mich drauf.

Aber vorher ging meine kleine Reise weiter über Aussig nach Teplitz.

Tannhäuser

Titel: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg , Arbeitstitel: Der Venusberg

Musik und Libretto: Richard Wagner

Entstehungszeit: 1842 – 45

Uraufführung: 19. Oktober 1845 in Dresden

Spieldauer: ca. 3 3/4 Stunden

Ort der Handlung: Thüringen, Wartburg und Umgebung

Zeit der Handlung: 13. Jahrhundert

Eine Pilgerfahrt nach Paris (28)

Link

Paris, im Januar 2013

Chère Richard Wagner,

viele Grüße aus der Vorstadt, aus Paris-Meudon. Dein Wohnhaus steht noch. Ist das nicht wunderbar? Und wovon kann ich dir noch berichten? Genau, von einer Gedenktafel! Doch leider sind nicht alle deine Wohnstätten mehr erhalten. Die großen Markthallen nahe der Rue Tonnellerie wurden 1971 abgerissen. Ein Neubaukomplex wurde treppenartig mit Glashallen in die Tiefe geführt, sodass dein Wohnhaus, in dem auch Moliere geboren wurde, der Abrisswut zum Opfer fiel. Heute erinnert eine Moliere-Gedenktafel an den ungefähren Standort seines Geburtshauses. Die Rue Helder ist noch vorhanden, aber auch dort sind die alten Wohnhäuser durch Prachtbauten ersetzt worden, sodass sich der Ort deiner Wohnung heute nicht mehr ohne einen Besuch in einem Stadtarchiv nachvollziehen lässt.

Aber auch davon gebe ich dir ein Foto bei, ebenso wie von dem Opernhaus, in dem sie übrigens zurzeit Le Vaisseau fantome (Der Fliegende Holländer) zur Vorstellung geben. Du kennst das Opernhaus, das als Ersatz für den Salle de la rue le Pelletier von dem Architekten Francois Debret 1821 erbaut worden ist. Sicherlich hast du davon gehört, dass Napoleon 1858 nach dem Attentat auf ihn und seine Gemahlin das Gebäude nicht mehr betreten wollte und den Bau einer neuen Oper veranlasste. Die städtebauliche Konzeption, die maßstäblich von dem Baupräfekten Haussmann geprägt wurde, sah nun ein routenförmiges Gebäude vor, das mit seiner abgeschrägten Lage im Raster der neuen Straßenplanung einen idealen Blickfang am Ende der Avenue Napoleon III, der heutigen Avenue de l´Opéra geben sollte. 1860 wurde das Projekt in Form eines Wettbewerbes ausgeschrieben und 171 Einsender hatten ganze vier Wochen Zeit ihre Beiträge einzureichen. Die Jury, die sich sämtlich aus Mitgliedern einer klassizistisch geprägten Schule rekrutierte, beauftragte fünf der Teilnehmer mit einer Überarbeitung ihrer Beiträge in eine neue Runde, der nun ein genauer Anforderungskatalog an die Ausführung zugrunde lag. Einstimmig prämierter Gewinner dieser zweiten Runde war Charles Garnier, ein 33jähriger Architekt, der mit Theaterbauten keinerlei Erfahrungen hatte. Am 27. August 1861 begann ein nahezu 14 Jahre überspannender Zeitraum der Bauarbeiten, weil sie durch Krieg, Aufstand und eines Brandes unterbrochen wurden. Schon während der Bauarbeiten zu den Fundamenten gab es ein großes Problem, denn hohes Grundwasser erschwerte die Befestigung der Fundamente. Unter der Oper befindet sich noch heute ein unterirdischer See, der dazu animierte, mysteriöse Geschichten zu erfinden. Eine rankt um ein Phantom, das sogenannte Phantom der Oper, das angeblich mit einer Barke den See befährt. Jedenfalls fand erst am 5. Januar 1875 die Eröffnungsveranstaltung statt, aber sicherlich wird dir das noch aus Berichten in der Presse in Erinnerung sein. Im Laufe der Jahrzehnte jedoch wurde auch diese Oper zu klein und man plante wieder eine neue Oper. 1989 wurde die Opéra Bastille eröffnet. Seitdem wird die Garnier hauptsächlich für Ballettaufführungen genutzt. So werden auch deine Opern, lieber Wagner in dem neuen Hause gespielt. Zurzeit stehen Die Walküre und Rheingold auf dem Programm. Du wirst dich vielleicht fragen, wo das neue Opernhaus steht, in dem deine Stücke gespielt werden. Deshalb werde ich mich bemühen dir einige Details darüber zusammenzustellen. Kannst du dich noch an den Bahnhof Gare de la Bastille erinnern? Er liegt in Verlängerung der rue de Rivoli an der alten Stadtpforte St. Antoine am Hafen des l´Arsenal. 1982 hatte der französische Staatspräsident Mitterand beschlossen wieder ein neues Opernhaus zu bauen, um die Oper Garnier zu entlasten. Infolgedessen wurde erneut ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, wobei von den 1700 Einreichungen 756 Projekte in die Vorprüfung aufgenommen wurden. Im November 1983 bekam der eher unbekannte 37jährige Architekt Carlos Ott den Zuschlag und am 13. Juli 1989, zur 200-Jahr-Feier des Sturms auf die Bastille und dem Beginn der Französischen Revolution wurde die Oper eingeweiht. In der neuen Oper können neun Bühnen auf verschiedene Weise bespielt werden und die große Bühne ist, anders als in der Oper Garnier von allen Sitzplätzen aus gut sichtbar. Über die Qualität der Akustik ist man nach wie vor strittiger Meinung, einig ist man sich aber über die Vorteile der technischen Raffinessen, die sich hinter der gläsernen imposant geschwungenen Fassade verbergen.

Nun, mon chère Wagner, meine Reise nach Paris geht dem Ende entgegen. Es ist ein guter Zeitpunkt dir Danke zu sagen. Danke für all die Erlebnisse und Genüsse. Danke für die herrlichen Stunden mit dir und danke für den beeindruckenden Ausblick auf Paris vom Schlossberg in Meudon.

Und Chapeau für deinen Mut und deine Beharrlichkeit. Ich habe arg Schwierigkeiten gehabt mich in der mir fremden Sprache zurechtzufinden. Wie hast du das alles geschafft? Und nicht zu vergessen, danke für den Fliegenden Holländer!

Für meine Freunde habe ich eine kleine Zusammenfassung geschrieben, die ich dir gerne zur Korrektur vorlegen möchte. Mit der Bitte um gelegentliches Zurücksenden verbleibe ich

Hochachtungsvoll

Deine Ulrike

P.S.: Übrigens habe ich in Paris dein Buch gelesen. Eine Pilgerfahrt zu Beethoven. Vielleicht werde ich eines Tages meine Briefe an dich eine Pilgerfahrt zu Richard Wagner nennen, wer weiß. . .

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Richard Wagner in Paris 1839 - 1842

Richard Wagner in Paris 1839 – 1842