Badefreuden in Teplitz (33)

1842 Teplitz, (Teplice)

19. Juli – Anfang August, Hotel „Zur Eiche“, Wagners bewohnten vier geräumige Zimmer im letzten Haus an der Turnaischen Wiese, 50 Schritt bis zum Turnaischen Garten, während die Mutter im Hotel „Zum Blauen Engel“ wohnte.

Teplitz, Juli 2013

Lieber Richard Wagner,

viele Grüße aus Teplitz, früher Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov). Ich habe mich mehrmals gefragt, warum du in deinen Briefen immer Töplitz statt Teplitz schriebst. Ein historischer Plan hat das Rätsel nun gelöst. Auf dem Plan sind sowohl der Ort Teplitz als Toeplitz gekennzeichnet. Aber auch die Orte Schönau und Turna dargestellt, sodass ich die Lage eures Hotels “Zur Eiche” in Schönau an der Turnaer Wiese ziemlich punktgenau treffen kann. Und siehe da, ich lande in einem anderen Stadtplan von 1935 an genau dieser Stelle auf der Richard-Wagner-Straße. Sie führt in direkter Linie vom Bahnhof in Richtung Schlackenburg und wird heute Vrchlického genannt. Lag dort die Turnaische Wiese von er du sprachst? Lag dort das Hotel „Zur Eiche“?

Ansonsten habe ich wenig gute Nachrichten für dich. Leider ist auch diese ehemals pittoreske Stadt den Kriegszerstörungen zum Opfer gefallen. Die Häuser um den Schlossplatz und das Kaiserbad sind noch erhalten oder wieder aufgebaut worden, sodass sich hier eine kleine Ahnung finden lässt, was es einmal gewesen sein könnte. Das Schloss, dessen Teile spätgotische, barocke und klassizistische Baustile aufzeigen, stand über 300 Jahre bis 1945 im Besitz einer Adelsfamilie aus Oberitalien und war Treffpunkt namhafter Personen aus Politik und Gesellschaft, wie Casanova, Goethe, Chopin und auch Liszt. Das weitläufige Anwesen beherbergt heute das Regionalmuseum. Dazu gehört ein weitläufiger Schlosspark und ein Theater. Leider sind in den meisten Teilen des Ortes die Häuser durch betonartige Ungetüme überbaut worden, sodass sich die weltberühmte Bäderarchitektur leider nicht erhalten hat. Nur wenige Eindrücke sind noch verblieben, die ich dir gerne wieder beilege. Aber dennoch ist die zirka 50.000 Einwohner zählende Stadt bemüht die vor dem Verfall bewahrten Häuser weiter zu sanieren und zu erhalten, sodass die ehemals stark frequentierten Heilquellen wieder Beachtung finden und Touristen zum Kuren anregen. So können sich kulturinteressierte Besucher im ehemaligen Renaissancebau des Schlosses am Schlossplatz auf eine Reise in die historischen Ursprünge begeben und anhand von Gemälden, Skulpturen und Grafiken, sowie Glas und Porzellan einen Eindruck alter Zeiten verschaffen. Dazu gehört auch die Entwicklung von einer Stadt der Heilquellen im 19. Jahrhundert, als du in Teplitz zu Gast warst, zu einer Stadt der Industrialisierung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begann auch in der Umgebung von Teplitz der Abbau von Hartbraunkohle im größeren Stil. Die Stadt hatte sich, begünstigt durch die in der Umgegend befindlichen reichen Braunkohlenlager, zu einem bedeutenden Industrie- und Handelsplatz entwickelt. Textil-, Metall-, Porzellan-, Glas-, Nahrungsmittel- und chemische Industrie siedelten sich hier an, was sicherlich als Grund für die großflächige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gesehen werden kann.

Schade, aber nicht nur dadurch ist die Spurenverfolgung deiner Reisen nach Teplitz eingeschränkt, auch die Sprachbarriere ist nicht zu unterschätzen, denn all die Hinweise zu den historischen Orten und Plätzen sind auf Tschechisch und da ich des Tschechischen nicht mächtig bin, sind mir eindeutig Grenzen gesetzt.

So werde ich mich wieder auf den Heimweg machen und über die Höhen des Erzgebirges nach Altenburg und durch das Müglitztal zurück nach Graupa reisen und deinen weiteren Spuren in Dresden folgen, denn nach eurem Aufenthalt in Teplitz begann für dich der Alltag in Dresden. Wohnung suchen, Kontakte aufbauen, Arbeit und Geld beschaffen.

Bis bald wieder in Graupa

Viele Grüße Deine Ulrike

Wagner und die Madonna von Carlo Dolci (32)

Lieber Richard Wagner,

mein kurzer Rundgang durch Aussig (Ústi ad Labem) gab mir keinen bleibenden Eindruck der Pracht, die diese Stadt einmal beherrschte. Vorbei die Blüte um Weinanbau, Weberhandwerk, Papierfabrikation und eines betriebsamen Schiffsverkehrs. Einst als Warenumschlagplatz vom Land– auf den Schiffverkehr, der hier Elbabwärts begann, mit einträglichen Einnahmen gesegnet, ist die Stadt heute geprägt durch hässliche Verkehrswege, zahlreiche Großbetriebe und unschöne Plattenbauten.

Übrigens habe ich die Madonna von Carlo Dolci, die dich in der Kirche von Aussig so sehr beeindruckte, dort nicht ausmachen können, aber ich habe ein wenig recherchiert und bin fündig geworden. Das Bild hängt nun in Tokio in einem Museum. Wahrscheinlich hat das Bild in den Kriegsjahren einen nicht nachvollziehbaren Weg genommen, denn wertvolle Bilder, wie dieses, waren reizvolle Kriegbeute. Inzwischen werden viele Bilder über das Internet angeboten, sodass sie von Museen aufgekauft werden und wieder öffentlich ausgestellt werden können.

„– In der Stadtkirche von Aussig ließ ich mir die Madonna von CARLO DOLCI zeigen: das Bild hat mich außerordentlich entzückt, u. hätte es Tannhäuser gesehen, so könnte ich mir vollends ganz erklären, wie es kam, daß er sich von Venus zu Maria wandte, ohne dabei zu sehr von Frömmigkeit hingerissen zu sein.  Jedenfalls steht nun die Heilige Elisabeth bei mir fest. – – „

    (6. September 1842 an Ernst B. Kiez in Paris, Richard Wagner: Sämtliche Briefe Band II., S. 153)

Mein nächstes Ziel, Teplitz, liegt ungefähr 16 Kilometer entfernt von Aussig und so machte ich mich auf den Weg und fuhr von Aussig auf der Landstraße Richtung Nordwesten. Ich gelangte über eine Hügelkuppe in eine Niederung, die sich parallel am Südhang des Erzgebirges in ost-westlicher Richtung ausdehnt und im weiteren Verlauf in das Tal der Eger mündet. Just als ich darüber nachdachte, warum Mitte des 19. Jahrhunderts so viele Personen diese Gegend zur Erholung aufsuchten, brachen die Wolken auf und Sonnenstrahlen fielen auf die auslaufenden Hügel des Erzgebirges. Überraschend mutete die Gegend nun südlich, ja fast mediterran an. Ich konnte mich einer spontanen Begeisterung nicht verschließen, hielt an und nahm ein Foto für dich. Der Blick lässt erahnen, warum sich die Kurbäder Teplitz, Karlsbad, Marienbad am Fuß des Erzgebirges wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihen. Es ist kein Wunder, dass du Gast in all den schönen Orten warst. Ich habe mir zur Übersicht einen Plan und eine Liste zusammengestellt. Habe ich alles bedacht? Übrigens hießt heute der Weg an dem dein Quartier stand Richard-Wagner-Straße.

Bis gleich in Teplitz

Deine Ulrike