Ein Ausflug nach Rathewalde – Fortsetzung (42)

Der Amselfall im Rathenwalder Grunde, J.C.A. Richter um 1840 und 2012, Freizeitheim Rathewalde, Familiengrab Pusinelli auf dem Feld B, Katholischer Friedhof in Dresden-Friedrichstadt

Lieber Richard Wagner,

wie du auf den Bildern sehen kannst, ist der kräftige Wasserfall, der auf dem kolorierten Stich von Richter zu sehen ist, bei meinem Besuch eher ein kleines Rinnsal. Aber das kann sich schnell ändern. Wenn es kräftig regnet, dann stürzen auch heute noch die Wassermassen in einem großen Schwall zu Tal. Heute kann man, anders als damals, als die Besucher Picknickutensilien auf Bänken verteilten, in einem Gasthaus pausieren, dort warme Speisen zu sich nehmen, Ansichtskarten kaufen und verweilen.

Nach ungefähr zweieinhalb Kilometern Weg bogen wir vom Amselgrund ab, um aus der Schlucht auf den Basteiweg einzubiegen und am Rande der alten Torwiese Halt zu machen. Hier machte mich mein Begleiter mit einem freundlichen alten Herrn, einem Förster bekannt, der von deines Freundes Ferienhaus berichtete. Das Haus liegt noch heute wunderbar eingebettet in die Landschaft der beeindruckenden Felsformationen und Gesteinsgruppen, die märchenhafte Gestalten und Fratzen zu Bildern zusammenkomponieren. Der Ausblick ist ein wenig zugewachsen, das Haus mit einem Fachwerkanbau ein wenig erweitert worden, aber es lässt sich vortrefflich ein Bild einer vergangenen Zeit zeichnen. Das Haus und die ehemals angelegten Stufenterrassen werden noch heute genutzt und bei einem sorgfältigen Blick auf die Klippe, die in die Tiefe zeigt, kann man noch Steine entdecken, in denen über viele Jahre zierliche Stangen eines verziert gestalteten Gartenpavillons gesteckt haben mögen. Sag, lieber Wagner, hast du jemals dort gesessen und mit deinem Freund und seiner Familie, deiner Minna und eurem Hündchen unbeschwerte Stunden verbracht? Heute wird das Haus als kirchliche Jugendbegegnungsstätte genutzt. Mehr als zwanzig Jugendliche können hier für ein geringes Entgelt musizieren, kochen und schlafen. Schade, dass du nichts über diesen Ort berichtet hast, aber wie man in deinen Briefen lesen kann, warst du reichlich beschäftigt mit deinen musikalischen Arbeiten und Zielen, die ich mir für meinen nächsten Ausflug zur genaueren Betrachtung vorgenommen habe, weshalb ich mich für heute verabschiede.

Deine Ulrike

An Frau Hofräthin Dr. A. Pusinelli.

Meine liebe treue Freundin!

Da hat ein großes Herz aufgehört zu schlagen! Es sieht öde um uns aus. – Cosima trug Sorge, mir diese letzte Mitteilung ohne Schreckenzukommen zu lassen. Erst gestern Abend verriet mir ein Zufall das Traurige. Ich bin seitdem verstummt und spreche nun erst wieder zu Ihnen durch diese Zeilen. Und nur von mir kann ich Ihnen sprechen, nicht von ihm, den wir alle verloren. Viele sind jetzt bereits aus meinem Leben entschwunden: Schon berühren die Heimgänge so manches Nahestehenden mich immer weniger; denn alles ist so ernst geworden, daß nur das Ernsteste noch zu denken und zu fühlen gibt. Nur an meines theuren Anton´s Verlassen hatte ich nie Glauben, oder dieses Falles als Möglich gedenken wollen. Wahrlich, es war der letzte aus der Reihe Aller derer, die das Leben mir zuführte, an welchem ich mit jener unbedingten Freundschaft und Liebe hing, welche keine Anforderungen und Gesetze kennt, als die Unwiderstehlichkeit, mit welcher sie uns einnimmt. Mit ihm ist mir nun die Welt und namentlich die Welt der Erinnerung fast ganz erloschen.

Oh! Was hatte dieser ein großes Herz, — und mit diesem liebte er mich! — Meine theure Freundin, die Sie so ganz alles mit ihm teilten, seine Freuden, seine Empfängnisse Was soll ich Ihnen sagen, als daß ich selbst heute Sie glücklich schätzen muß, so lange mit einem solchen Manne innig vereint gewesen zu sein. Sie leben noch, und — somit auch er mir noch! — Seien Sie gesegnet und hoch geweiht in Ihrem Schmerze! So segne ich Ihr ganzes Haus!                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Ihr Richard Wagner, Bayreuth, 3. April 1878

 

 

Badefreuden in Teplitz (33)

1842 Teplitz, (Teplice)

19. Juli – Anfang August, Hotel „Zur Eiche“, Wagners bewohnten vier geräumige Zimmer im letzten Haus an der Turnaischen Wiese, 50 Schritt bis zum Turnaischen Garten, während die Mutter im Hotel „Zum Blauen Engel“ wohnte.

Teplitz, Juli 2013

Lieber Richard Wagner,

viele Grüße aus Teplitz, früher Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov). Ich habe mich mehrmals gefragt, warum du in deinen Briefen immer Töplitz statt Teplitz schriebst. Ein historischer Plan hat das Rätsel nun gelöst. Auf dem Plan sind sowohl der Ort Teplitz als Toeplitz gekennzeichnet. Aber auch die Orte Schönau und Turna dargestellt, sodass ich die Lage eures Hotels “Zur Eiche” in Schönau an der Turnaer Wiese ziemlich punktgenau treffen kann. Und siehe da, ich lande in einem anderen Stadtplan von 1935 an genau dieser Stelle auf der Richard-Wagner-Straße. Sie führt in direkter Linie vom Bahnhof in Richtung Schlackenburg und wird heute Vrchlického genannt. Lag dort die Turnaische Wiese von er du sprachst? Lag dort das Hotel „Zur Eiche“?

Ansonsten habe ich wenig gute Nachrichten für dich. Leider ist auch diese ehemals pittoreske Stadt den Kriegszerstörungen zum Opfer gefallen. Die Häuser um den Schlossplatz und das Kaiserbad sind noch erhalten oder wieder aufgebaut worden, sodass sich hier eine kleine Ahnung finden lässt, was es einmal gewesen sein könnte. Das Schloss, dessen Teile spätgotische, barocke und klassizistische Baustile aufzeigen, stand über 300 Jahre bis 1945 im Besitz einer Adelsfamilie aus Oberitalien und war Treffpunkt namhafter Personen aus Politik und Gesellschaft, wie Casanova, Goethe, Chopin und auch Liszt. Das weitläufige Anwesen beherbergt heute das Regionalmuseum. Dazu gehört ein weitläufiger Schlosspark und ein Theater. Leider sind in den meisten Teilen des Ortes die Häuser durch betonartige Ungetüme überbaut worden, sodass sich die weltberühmte Bäderarchitektur leider nicht erhalten hat. Nur wenige Eindrücke sind noch verblieben, die ich dir gerne wieder beilege. Aber dennoch ist die zirka 50.000 Einwohner zählende Stadt bemüht die vor dem Verfall bewahrten Häuser weiter zu sanieren und zu erhalten, sodass die ehemals stark frequentierten Heilquellen wieder Beachtung finden und Touristen zum Kuren anregen. So können sich kulturinteressierte Besucher im ehemaligen Renaissancebau des Schlosses am Schlossplatz auf eine Reise in die historischen Ursprünge begeben und anhand von Gemälden, Skulpturen und Grafiken, sowie Glas und Porzellan einen Eindruck alter Zeiten verschaffen. Dazu gehört auch die Entwicklung von einer Stadt der Heilquellen im 19. Jahrhundert, als du in Teplitz zu Gast warst, zu einer Stadt der Industrialisierung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begann auch in der Umgebung von Teplitz der Abbau von Hartbraunkohle im größeren Stil. Die Stadt hatte sich, begünstigt durch die in der Umgegend befindlichen reichen Braunkohlenlager, zu einem bedeutenden Industrie- und Handelsplatz entwickelt. Textil-, Metall-, Porzellan-, Glas-, Nahrungsmittel- und chemische Industrie siedelten sich hier an, was sicherlich als Grund für die großflächige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gesehen werden kann.

Schade, aber nicht nur dadurch ist die Spurenverfolgung deiner Reisen nach Teplitz eingeschränkt, auch die Sprachbarriere ist nicht zu unterschätzen, denn all die Hinweise zu den historischen Orten und Plätzen sind auf Tschechisch und da ich des Tschechischen nicht mächtig bin, sind mir eindeutig Grenzen gesetzt.

So werde ich mich wieder auf den Heimweg machen und über die Höhen des Erzgebirges nach Altenburg und durch das Müglitztal zurück nach Graupa reisen und deinen weiteren Spuren in Dresden folgen, denn nach eurem Aufenthalt in Teplitz begann für dich der Alltag in Dresden. Wohnung suchen, Kontakte aufbauen, Arbeit und Geld beschaffen.

Bis bald wieder in Graupa

Viele Grüße Deine Ulrike